Kommentar: Freundschaft unter Parteifreunden

20. September 2004, 16:58
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Matznetters erster grober Schnitzer dürfte ihm selbst am meisten schaden

Wien - Natürlich sind alle auf ihm gekniet, doch zugeben wollte es keiner, am wenigsten der Bekniete selbst. Christoph Matznetter, Budgetsprecher der SPÖ und zuständig für die schlechte Nachrede, seine Partei wolle die österreichischen Sparbücher besteuern, lief beim Treffen des Parteipräsidiums zwar ein wenig zerdrückt herum, geschnitten wurde er von den Genossen aber nicht.

Watschentanz blieb aus

Wer sich in der Festspielstadt Bregenz die Aufführung eines roten Watschentanzes erwartet hatte, wurde angenehm enttäuscht: Etwas anders als bei früheren Gelegenheiten hielten sich auch jene Präsidiumsmitglieder mit öffentlicher Kritik an Matznetter und Analysen zu Alfred Gusenbauers Umgang mit der Aussage seines Freundes zurück, die das Licht der Öffentlichkeit sonst auch bei medialer Sonnenfinsternis finden. Sie rätselten bestenfalls hinter vorgehaltener Hand, was Matznetter zu seinem Ausritt bewogen haben könnte und warum er gerade den ungünstigsten Zeitpunkt gewählt hatte. Doch selbst wer eine plausible Antwort darauf gefunden hatte, behielt sie für sich.

Zweifellos hat Matznetter seinem Freund Gusenbauer keinen Gefallen erwiesen, als er seine Ideen zu mehr Steuergerechtigkeit als Wirtschaftsprogramm der SPÖ verkaufte. Andererseits war es Matznetters erster wirklich grober Fehler, der parteiintern eher auf ihn selbst zurück- als Gusenbauer auf den Kopf fallen dürfte: Denn mit dieser Aktion hat der Budgetsprecher seine Neider in der Einschätzung bestärkt, Matznetter sei zwar ein außergewöhnlicher Steuerfachmann, aber kein politischer Kopf. Denn vor einem hütet sich in der SPÖ jeder wie der Teufel vor dem Weihwasser: mit den Pensionisten das letzte stabile Wählerklientel der Sozialdemokratie zu verschrecken. Und auf diese Klientel hätte die ÖVP mit einer Wahlkampfparole gegen die Sparstrumpfräuber sicher abgezielt.

Seltene Freundschaft

Gusenbauer selbst ließ sich nach außen hin keine Sekunde anmerken, ob ihn Matznetters Ein- und Ausfall getroffen hat. Der Budgetsprecher ist ja sein Mann, und die beiden verbindet tatsächlich eine in der Politik seltene Freundschaft. Gusenbauer hatte Matznetter nach dem Abgang von Andreas Rudas mit der Sanierung der zerrütteten Parteifinanzen beauftragt, eine Aufgabe, die der gelernte Steuerberater glänzend erledigte. Der SP-Chef überhörte stets die Einflüsterer, die in Matznetters Profilierung als Budgetsprecher den Drang zu höheren Parteifunktionen lasen. Zumindest die dürften vorerst verstummt sein. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5.9.2004)

Samo Kobenter
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