Die Farbenlehre der Schulregenten

17. September 2004, 12:10
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Schule ist, wo Schüler, Lehrer, Eltern und Direktoren sind. Schule ist aber auch eine Spielwiese für die Politik

Wien - Zumindest das Bild an der Wand muss überparteilich sein: Dieser Tage wird in den Klassenzimmern von rund 6000 Schulen das Bildnis von Bundespräsident Heinz Fischer aufgehängt. Weil es das Gesetz so vorschreibt. Bei der Auswahl schieden zwei Abzüge schon alleine deswegen aus, weil im Hintergrund ein (unscharfes) Foto von Bruno Kreisky zu erahnen war. Und das hätte dann doch zu leicht als parteipolitische Intervention von oben herab interpretiert werden können. Zum Zug kam Fischer in Farbe, mit ernster Miene und Österreich-Flagge im Hintergrund.

Das richtige Schulbuch

Die Politik kommt aber nicht nur in Form des Präsidentenbildes in die Schulen. Fischer muss als Bundespräsident auch Direktorenernennungen unterschreiben. Ein heikles Feld, denn besonders im Schulbereich sorgt die politische Farbenlehre der österreichischen Realverfassung immer wieder für große Aufregung.

Kandidaten fühlen sich übergangen, andere bewerben sich erst gar nicht, wegen erwarteter Aussichtslosigkeit infolge Nichtbesitzes eines mehrheitsfähigen Parteibuches, wieder andere beobachten die Verhältnisse frustriert und hoffen auf Besserung.

"Es gibt nach wie vor Proporz"

Das seien nicht nur bloße Phantomschmerzen wehleidiger Kandidaten, meint auch Verfassungsjurist Theo Öhlinger, der den Schulbereich für "extrem parteipolitisch überlagert" hält. Im STANDARD-Gespräch sagt er: "Es gibt nach wie vor Proporz. Die Direktorenstellen werden zwischen den Parteien ausverhandelt."

Das sei im jetzigen System, das ein Ergebnis der "Hochblüte des Parteienproporzes" sei, auch gar nicht anders möglich. 1962 wurden im Schulorganisationsgesetz die "kollegialen Schulbehörden" (siehe Schul-ABC Seite 11) installiert. Unter Einbindung gesellschaftspolitischer Institutionen von Parteien über Kirchen und Sozialpartner.

"Weg mit den Bezirks- und Landesschulräten"

Öhlinger ist daher für eine Radikallösung: "Weg mit den Bezirks- und Landesschulräten, weil dort die parteipolitische Einflussnahme am größten ist." Überregionale Schulfragen sollten stattdessen von "klassischen Behörden wie Bezirkshauptmannschaft oder Landesregierung behandelt werden. Da kann man viel mehr Objektivität erwarten", meint Öhlinger.

Im Gegenzug solle die Schulautonomie gestärkt werden, und unmittelbare Schulfragen durch Eltern, Lehrer und Schüler geklärt werden, sagt der Verfassungsjurist, der auch die Zweidrittelmehrheit für einfache Schulgesetze für "nicht mehr zeitgemäß" hält.

"Objektivierung", die eine Zeit lang als das Gegengift für parteipolitische Bestellungen von Schulleitern propagiert wurde, hat die Kritik bei Direktorenernennungen nicht verstummen lassen. Immer wieder werden Fälle ruchbar, wo Parteikandidaten von ihrer Fraktion gepusht wurden. DER STANDARD wird in der Schulserie aus jedem Bundesland konkrete Fälle schildern.

Selbstbedienungsladen

Kurt Nekula vertritt als Chef der Elternvereine an öffentlichen Pflichtschulen 1,5 Millionen Eltern, und meint zum Thema Parteibuchwirtschaft in der Schule: "Das sollte eigentlich keine Rolle spielen. Aber es gibt natürlich ein Interesse der politischen Parteien nach Einflussnahme in den verschiedensten Posten. Doch gerade die Schule sollte man da herauslassen. Generell gilt, überall, wo es das Bemühen um Objektivität gibt, kommen bessere Lösungen heraus. Und die Objektivierung hat in allen Bundesländern gegriffen."

Hearings, Assessmentcenters, computerunterstützte Potenzialanalyse seien Möglichkeiten, ein umfassenderes und objektiveres Kandidatenprofil zu entwickel, meint Nekula.

Der Elternvertreter kritisiert an den parteipolitisch besetzten Kollegien in den Landes-und Bezirksschulräten aber auch, dass dort, egal, wer sie entsendet, fast nur Lehrer sitzen. Für Nekula ist "die Schule ein Selbstbedienungsladen für die Lehrerschaft". Daher will er in diesem Laden die Eltern über die Schulpartnerschaft noch viel stärker eingebunden wissen, bei Direktorenernennungen sollen sie Sitz- und Stimmrecht haben.

Leader lernen leiten

Aus Sicht von Eva Scholik, Vorsitzende der AHS-Lehrergewerkschaft, "funktionieren die Objektivierungsverfahren im AHS-Bereich sehr gut". Die parteipolitischen Kollegien seien "ein Spiegelbild der politischen Situation", sagt die Christgewerkschafterin zum STANDARD. Sie sieht im "absolut nicht politisch besetzten" Assessmentcenter und der Potenzialanalyse per Computer aber ohnehin die "qualitativeren Ergebnisse, sodass man durchaus überlegen könnte, ob die politische Entscheidung über Direktorenkandidaten danach überhaupt noch notwendig ist".

Aber mit der endgültigen Ernennung zum Direktor soll es künftig nicht getan sein. Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (VP) will das Qualifikationsproblem in den Direktionen durch die neue "Leadership-Academy" in Angriff nehmen. Auf freiwilliger Basis können je 300 Direktoren in zwei Workshops pro Jahr "Führen" und "Leiten" lernen. Das Leadership-Konzept haben zwei Erziehungswissenschafter, die die Seminare auch leiten werden, entwickelt: Der Züricher Wilfried Schley und der Innsbrucker Michael Schratz, der die Schulleiterausbildung seit 15 Jahren in einer "Komfortzone" sieht (siehe Interview). (DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.9.2004)

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