Mysteriöse Ereignisse um zwei Journalisten

7. September 2004, 09:50
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Restriktive Medienpolitik Moskaus

Moskau - Zu zwei mysteriösen Ereignissen in der russischen Medienbranche kam es am Rande des Geiseldramas. Zwei der renommiertesten Tschetschenien-Journalisten des Landes gelangten unter dubiosen Umständen nicht an den Ort des Geschehens. Anna Politkowskaja, Korrespondentin der auf Tschetschenien-Berichterstattung spezialisierten Zeitung Nowaja Gaseta, wurde am Mittwochabend ins Krankenhaus in Rostow am Don eingeliefert.

Laut Angaben ihres Chefredakteurs Dmitri Muratow war sie von Moskau nach Rostow geflogen, um von dort nach Beslan zu gelangen. Im Flugzeug trank sie nur den angebotenen Tee, verlor nach zehn Minuten das Bewusstsein und wachte erst beim ärztlichen Versorgungspunkt am Flughafen wieder auf.

Die Ärzte können sich bisher den Grund ihres Gesundheitszustandes nicht erklären: dieser äußert sich in starken Blutdruckschwankungen und wiederholtem Bewusstseinsverlust. Die vorläufige Diagnose lautete laut Zeitung Kommersant auf Vergiftung. Politkowskaja sagte der Zeitung Kommersant, dass man sie "absichtlich vergiftet" habe, um sie nicht nach Beslan gelangen zu lassen.

Ihr Vater sagte auf Anfrage des STANDARD, ihm gegenüber habe sie diesbezüglich nichts gesagt. Er bestätigte, dass seine Tochter inzwischen in einem Moskauer Krankenhaus liege. Anna Politkowskaja selbst beschreibt ihren Zustand als "zufrieden stellend".

Die Fluggesellschaft schließt eine Vergiftung durch Tee aus, weil alle Passagiere aus dem selben Gefäß zu trinken bekamen. Bei der Erstversorgung im Krankenhaus hatte man noch von einer Virusinfektion gesprochen.

Als Dorn im Auge der russischen Militärs enthüllt Politkowskaja seit vier Jahren Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien. Bei der Geiselnahme vor zwei Jahren im Moskauer Musicaltheater fungierte sie als Vermittlerin.

Am Donnerstag wurde am Moskauer Flughafen der Korrespondent von Radio Liberty, Andrej Babizki, verhaftet. Angeblich befand er sich auf dem Weg nach Mineralnyje Wody, um nach Beslan zu gelangen. Laut eigenen Angaben gegenüber Kommersant hätten die Zollhunde auf Sprengstoff in seinem Gepäck angeschlagen, dieser sei nicht gefunden worden. Babizki konnte aber nicht weiterfliegen. Eine Kollegin von Agence France Presse wurde ebenfalls kurz festgehalten, durfte dann aber weiterfliegen.

Als Babizki aus dem Durchsuchungszimmer ging, hätten ihn zwei Jugendliche angepöbelt, woraufhin die Polizei alle drei festhielt. Seinen Aussagen zufolge hätten ihm die zwei Jugendlichen, die sich als Flughafenmitarbeiter entpuppten, ein Foto von ihm gezeigt und gesagt, man habe sie gebeten, einen Skandal mit ihm zu initiieren.

Seit Beginn des zweiten Tschetschenienkrieges 1999 hatte sich Babicki in der Umgebung der Separatisten aufgehalten und von dort für westliche Agenturen berichtet. Im Jahr 2000 wurde er zweimal von russischen Truppen verschleppt, später wurde er wegen Gebrauches gefälschter Dokumente verurteilt.

Gleichgeschaltetes Fernsehen

Die Berichterstattung über den Tschetschenienkonflikt ist der Prüfstein schlechthin für die russische Medienlandschaft. Das mittlerweile gleichgeschaltete Fernsehen hält sich strikt an die offizielle Botschaft von den großen Fortschritten in der Kaukasusrepublik. So wurde bei den beiden Flugzeugabstürzen vom 24. August das Wort Terroranschlag mehrere Tage strikt vermieden.

Auch bei der Geiselnahme in Beslan wurden bis zur Erstürmung der Schule nur die vorsichtigen Statements offizieller Personen gezeigt. Weinende Verwandte der Geiseln und ihre Appelle an Putin, ein Blutvergießen zu vermeiden, kamen nicht ins Bild.

Ein Spitzenmanager des Kanals "Rossija" erklärte das angebliche Verbot solcher Bilder gegenüber der Zeitung Nesawissimaja Gaseta als logisch, "weil dies ein schwerer Anblick ist", der bei den Sehern Panik hervorrufen könne. Nach der Geiselnahme in Moskau 2002 wurde der Generaldirektor des Senders NTW offenbar deshalb entlassen, weil er zu offen über die Ereignisse berichtet hatte. (sed)

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    Vergiftungssymptome: Anna Politkowskaja.

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    Inszenierter Skandal: Andrej Babizky.

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