Spur des russischen Bin Laden

8. September 2004, 18:41
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Shamil Bassajew soll die Geiselnahme organisiert haben - Das Netz islamistischer Terrorgruppen in Russland

Die Geiselnahme von Beslan trägt die Handschrift des tschetschenischen Feldkommandanten Bassajew. Doch hinter ihm steht ein vielleicht viel größeres Netz islamistischer Terrorgruppen in Russland.

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Obwohl er sich noch nicht dazu bekannte, gilt Shamil Bassajew - der russische Bin Laden - nach Ansicht von Sicherheitsexperten als Anführer der Massengeiselnahme in Beslan. Der Kriegsherr ist unter den tschetschenischen Rebellen populär, vor allem aber als besonders radikal bekannt. Auch war er Drahtzieher des Geiseldramas im Moskauer Musicaltheater "Nordost". Damals rühmte er die "erfolgreiche Operation in der Höhle des Feindes, in seinem Herzen, in der Stadt Moskau".

Viele Terroranschläge der vergangenen Jahre in Russland werden ihm zugeschrieben. Bassajew ist klar an einer geografischen Ausweitung des Tschetschenienkonflikts interessiert. 1999 fiel er mit 1000 Kämpfern in Dagestan ein. Anfang der Neunzigerjahre hatte Bassajew aufseiten der Abchasen, die sich mit Unterstützung Russlands von Georgien abgespalten hatten, gekämpft. Kontakt mit den Taliban und Al-Kaida nahm Bassajew erst später auf. Dabei soll er vielleicht 40 Kämpfer über Pakistan nach Afghanistan zur Terrorausbildung geschleust haben.

Ein Wahhabit

Manche Sicherheitsexperten halten Bassajews islamistische Attitüde - er schloss sich der saudischen, wahhabitischen Strömung des Islam an - für eine Taktik, um die Unterstützung strenggläubiger Muslime zu erhalten, in Wahrheit sei er ein Nationalist. Die Radikalisierung Bassajews begann, nachdem bei einem russischen Angriff seine Frau und seine Kinder getötet worden waren. Selbst hat Bassajew bei Gefechten einen Fuß verloren. 1996 nahm er noch bei den Präsidentschaftswahlen in Tschetschenien teil, zog sich aber nach seiner Niederlage gegen den Rebellen Aslan Maschadow in die Berge zurück.

Die jüngste Terrorserie in Russland wirft die Frage nach der Existenz religiös-terroristischer Netzwerke im Land auf. Von der möglichen Existenz solcher Netzwerke sprach man in Russland erstmals Mitte der Neunzigerjahre. Wie eine Geheimdienstquelle gegenüber der Zeitung Nesawissimaja Gaseta angab, habe sich seither die Situation eher verschlechtert. Nach dem Verbot von 15 radikalen Organisationen in Russland seien ihre Anhänger in den Untergrund abgetaucht. "Heute können wir überzeugt behaupten, dass das extremistische Netz mindestens zwei Drittel des Landes umfasst und jeden Moment in volle Kampfbereitschaft versetzt werden kann", gab der Geheimdienstvertreter an.

International tätig

Praktisch alle extremistisch-terroristischen Gruppen, die das Wort "Islam" führen, sind international tätig und ihre Mitglieder kommen aus unterschiedlichen Staaten, erklärt der Präsident des Institutes für Religion und Politik, Alexander Ignatenko, gegenüber dem STANDARD. Zu ihnen sollen Gruppen aus Kuwait und Saudi-Arabien gehören sowie die russisch-tschetschenische "Oberste Armee-Madjlis der Vereinigten Kräfte der Mudjahedin des Kaukasus".

Zur russischen Abteilung von Al-Kaida gehören laut Ignatenko etwa die Gruppen "Rjadus-Salichijn" in Tschetschenien und "Chisb ut-Tahrir al-Islami".

Die Vorbereitung der Selbstmordattentäterinnen - der "Schwarzen Witwen", wie sie zuerst von den Russen genannt wurden, weil ihre Ehemänner vielleicht von russischen Soldaten umgebracht worden waren - verläuft laut Ignatenko in mehreren Etappen unter speziellen Bedingungen. So müssten sie vollkommen aus ihrer vertrauten Umgebung losgelöst und von ihr isoliert werden. Dies könne an jedem beliebigen Ort geschehen.

Für die weitere "Bearbeitung" würden dann Plätze ausgewählt, die nicht mehr von russischen Sicherheitsorganen unter Kontrolle seien. So habe es Hinweise gegeben, dass Selbstmordattentäterinnen aus dem georgischen Pankisi-Tal und aus Aserbaidschan nach Russland gekommen seien.

Die Finanzierung der Anschläge sei zweigeteilt. Die eine Hälfte stammt aus Tributzahlungen von Geschäftsleuten und Händlern im Land, die andere Hälfte kommt aus dem Ausland.

Beispiele für Letztere, so sagt Alexander Ignatenko, seien etwa der fast weltweit verbotene Fonds "Al-Kharamein" oder die Al-Kaida nahe stehende Organisation WAMY (Weltorganisation der islamischen Jugend) in Aserbaidschan. (DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.9.2004)

Eduard Steiner aus Moskau
  • Vor dem Zerwürfnis: 
die Rebelleführer Shamil Bassajew (li.) und Aslan Maschadow im Jänner 1996. Nach der Wahl Maschadows zum Präsidenten Tschetscheniens setzte sich Bassajew ab.
    foto: epa

    Vor dem Zerwürfnis: die Rebelleführer Shamil Bassajew (li.) und Aslan Maschadow im Jänner 1996. Nach der Wahl Maschadows zum Präsidenten Tschetscheniens setzte sich Bassajew ab.

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