Tschetschenien und Tolstoj

3. September 2004, 17:21
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Oder: Wie der Bär zur Nixe wurde - Eine Verortung des Tschetschenienkrieges auf der seelischen Landkarte Russlands - Kommentar der anderen von Anatolij Koroljow

Oder: Wie der Bär zur Nixe wurde. – Eine Verortung des Tschetschenienkrieges auf der seelischen Landkarte Russlands, die deutlich macht, wie tief die Wurzeln des Konflikts im Kaukasus auch in den kulturellen Traditionen des ehemaligen Imperiums verankert sind.

Warum sind wir Russen so tief im tschetschenischen Morast eingesunken? Worin liegt der Ursprung dieses Krieges, der schon beinahe zweihundert Jahre dauert?

Russland entstand nicht als Seemacht. Doch von Iwan dem Schrecklichen bis zu Peter dem Großen führten wir blutige Kriege, um uns endlich an die See schmiegen zu können und eine europäische Macht zu werden. Peter der Große eroberte zuerst die Nordmeerküste, dann expandierte er zur Ostsee. Katharina eroberte das Schwarze Meer und den Kaukasus und fand dabei Unterstützung in der russischen Mentalität und Kultur.

Unser nationales Genie Alexander Puschkin hat den russischen Wald- und Steppenbewohner gleichsam zum Seemann erzogen: Puschkin ist der Peter der Große unserer kulturellen Expansion. Er besang die Schönheit entlegener Gestade, das Rauschen der Meereswellen – und nach und begannen die Russen seine Meeresträume nachzuvollziehen.

Puschkin reiste viel durch Russlands Süden, damals ein wildes, von Tataren und Kosaken besiedeltes Land, kämpfte im Krieg gegen die Türkei und litt mit der russischen Armee mit. Puschkin brachte die Krim in Mode; sein genialer Nachfolger Michail Lermontow tat das gleiche für den Kaukasus.

Die Romantik der Eroberung war wohltuend für die russische Kunst, sie trug dazu bei, die Sitten der Gesellschaft zu veredeln und der Ignoranz zu mildern. Andere Publikumslieblinge griffen diesen schöpferischen Impuls von Munterkeit, Freiheit und Weite auf. Der junge Leo Tolstoj schrieb sein erstes Meisterwerk "Kindheit" im Kaukasus während des ersten kaukasischen Krieges. Russland führte damals Krieg gegen ein Dutzend Völkerschaften und Stämme, die die schönen Berge am Seeufer besiedelt hatten.

Russlands Streben nach dem Süden, wurde zu einer Konstante seiner kulturellen Existenz. Als Russland endlich am Schwarzen Meer angelangt war, erlebte es seine Renaissance und veredelte im Licht der Sonne seine Kultur. Das Publikum war von der Eroberung des Kaukasus begeistert, nach den Offizieren reisten auch romantische Damen in den Süden.

Kaukasische Filzumhänge waren ebenso beliebt wie mancherlei Militärzubehör. Die Haute monde begann, Villen und Paläste auf der Krim zu bauen. Kaukasisches Mineralwasser kam in Mode, es entstanden erste Kurorte. Der Bär verwandelte sich in eine Nixe.

Der Süden wurde zur Ursache einer kulturellen Blüte Russlands: In Taganrog am Ufer des Asowschen Meeres wurde Anton Tschechow geboren, und sein Genie gewann in der Sonne Kraft. Die Krim und Odessa wurden zur Wiege einer besonderen, von südlicher Heiterkeit, leidenschaftlicher Poesie und Schönheit geprägten Kultur. Kurzum: Der Kaukasus und das Schwarze Meer hatten für Russland einen ähnlichen Stellenwert wie Italien für Europa.

Den Völkern des Kaukasus aber wurde diese Entwicklung zum Verhängnis: Sie fielen der russischen Lava, die sich aus dem dunklen Wald als glühende Zunge zum Meer durchfraß, zum Opfer.

Dass Puschkin, Lermontow und Tolstoj alle am Krieg beteiligte Offiziere waren, fügte ihrer romantischen Anbetung des Südens einen Beigeschmack von Stahl, den Geruch von Pulver und die Farbe des Blutes hinzu.

Die Romantik des wilden Landes, die Schönheit der Berge und Wälder, die Breite der Strände, das Brausen des Meeres und andere Reize dieser Eroberungen machten erst die Existenz, dann die Ausrottung der kleinen Völker zur Nebensache.

Der Zerfall der Sowjetunion war für Moskau auch deshalb ein solcher Schock, weil es sich nach dem Verlust der Ukraine, der Krim, des Baltikums territorial in die Zeiten Iwans des Schrecklichen zurückversetzt sah – und wieder zur Nordmeermacht wurde, zum Land des Dauerfrostbodens, wo die Sonne für die Hälfte des Jahres hinter dem Horizont verschwindet.

Es ist auch diese Erschütterung des Unterbewusstseins der Macht, die den Kampf im und um den Kaukasus so verschärft hat. Russland will nicht nur am Nordmeerufer leben.

Es will nicht verwildern. Am Schwarzen Meer ist ihm ein letzter Uferstreifen geblieben, den man an einem halben Tag von einem Ende bis zum anderen durchfahren kann.

Auch an Tschetschenien klammert sich Russland wie ein beißwütiger Bullterrier, da der Kreml fürchtet, mit Tschetschenien den ganzen Kaukasus an die Separatisten zu verlieren.

Dreihundert Jahre hat Russland immer kleine Kriege geführt: gegen Polen und Litauer, gegen Tataren und Tschetschenen. Krieg war ein Grundelement seiner imperialen Identität. Moskau hat immer einen Punkt gesucht, auf den es seinen Blutstrom lenken, und damit seine Existenz rechtfertigen konnte. Vor der Oktoberrevolution spielte Polen lange diese Rolle, heute ist es Tschetschenien.

Sollte Russland verlieren, wird es, so fürchte ich, in kleinere Territorien zerfallen. Ein von Niederlagen zermürbtes und verwildertes Land aber können weder wir noch Europa gebrauchen. Angesichts der aktuellen Entwicklungen fürchte ich jedenfalls, dass dieser Krieg noch Jahrzehnte fortdauern wird:

Die Vertreibungspolitik des Kreml hat die Tschetschenen längst – weitgehend – zu einem Volk der Diaspora gemacht. Die Hauptdiaspora ist einflussreich und lebt in Moskau und hat sich merklich assimiliert. Sie erzieht ihre Kinder im Ausland, und die Unterstützung Tschetscheniens ist ihnen lästige Pflicht. Die zweite Tschetschenen- Diaspora in der Türkei ist fanatischer und kampfbereiter.

Makabrerweise scheint sich die Situation des 19. Jahrhunderts in kultureller Hinsicht zu wiederholen: Das blutüberströmte Tschetschenien wurde zur Inspirationsquelle für Meisterwerke vorrevolutionärer Humanität wie Tolstojs "Kosaken" oder "Hadschi Murat" – heute kämpfen bedeutende Filmregisseure für eine Wiedergeburt der Menschlichkeit ... (Aus dem Russischen von Eduard Steiner/DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.9.2004)

Anatolij Koroljow ist Schriftsteller in Moskau.
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