Durchforstung der Esterhazy-Archive brachte Haydn-Dokumente ans Licht

9. September 2004, 22:39
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487 relevante Belege tragen die Schriftzüge des Komponisten

Eisenstadt - Als wahre Fundgrube für Dokumente aus der Zeit Joseph Haydns entpuppten sich die Esterhazy-Archive auf Burg Forchtenstein. In mehr als zweijähriger Arbeit prüften Josef Pratl und Heribert Scheck für die Internationale Joseph Haydn Privatstiftung Eisenstadt mehr als eine halbe Million in der Burg gelagerte Schriftstücke. Dabei stießen sie auf über 3.200 musikhistorisch relevante Belege, von denen 487 die Schriftzüge Joseph Haydns tragen. Die Dokumente aus der Zeit von 1780 bis zum Tod Haydns 1809 enthalten viele wertvolle Informationen, etwa zur Orchesterentwicklung und den privaten Lebensumständen des Komponisten.

Er war "seit jeher der Meinung, man sollte diese Schätze, die wir hier im Burgenland haben, auch heben", erklärte Pratl, der auch Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung ist, heute, Freitag, bei der Präsentation der Forschungsergebnisse in Eisenstadt. Die Arbeit gestaltete sich nicht zuletzt wegen ihres Umfangs als schwierig: Das Archiv besteht aus über 20 Räumen, "da gibt es Papier, das unvorstellbar ist."

Etappenweise

In einer ersten Etappe von März 2002 bis Mai 2003 wurden schließlich über 1.400 Dokumente aus dem Gesamtbestand ausgewählt. Dabei fand man auch immer wieder Zettel, die auf eine Entnahme für die in der Nationalbibliothek in Budapest aufbewahrten Acta musicalia verwiesen. Da das Verzeichnis für die 4.397 Dokumente umfassende Sammlung im Zweiten Weltkrieg verbrannte, legten Pratl und Scheck für die Sammlung ein neues Register an. Es soll noch im September auch im Band vier der Eisenstädter Haydn-Berichte veröffentlicht werden.

Die auf Burg Forchtenstein entdeckten Schriftstücke geben unter anderem Aufschluss über die Orchesterentwicklung in den Jahren 1794 bis 1802, "eine dunkle Zeit, aus der es kaum Dokumente in den Acta musicalia gibt", so Pratl. Nach dem Tod von Nikolaus I. und der Entlassung des Orchsters verblieb in Eisenstadt ein kleines Orchester, die "Chormusik", die von Fürst Anton übernommen wurde. Haydn sei damals zwar bereits Pensionist, aber prinzipiell noch immer Angestellter des Fürstenhauses gewesen.

Fürst Anton Esterhazy baute sich neben der Chormusik eine "Harmoniemusik" als kleine Kammermusik mit sechs bis acht Bläsern auf, schilderte Pratl. Dass diese nach seinem Tod von Nikolaus II. sofort entlassen wurde, sei nicht bekannt gewesen. Der neue Majoratsherr hatte nämlich ebenfalls eine Harmoniemusik, die aus Gardisten bestand, darüber fehlten jedoch die Unterlagen. Mit den wieder entdeckten Dokumenten könne man "ziemlich genau verfolgen, wie sich die Orchesterentwicklung dargestellt hat."

Persönliches

In den Forchtensteiner Archiven fanden sich aber auch zahlreiche Belege, die Aufschluss über die persönlichen Verhältnisse Joaeph Haydns geben: So wurden etwa die Pensionsquittungen des Komponisten entdeckt, schildert Pratl. Zur Zeit Haydns wurde in allen Angelegenheiten penibel Buch geführt: "Die heutige Bürokratie ist eine Kleinigkeit gegen das, was damals gelaufen ist." Gefunden wurden auch Originale, auf denen Haydn selbst seine Arzt- und Apothekerrechnungen bestätigt, sowie die Abschrift seiner Vollmacht für seinen Testamentsvollstrecker.

Von den 487 gefundenen Belegen mit den Schriftzügen Haydns seien 400 tatsächlich unbekannt gewesen. "Man kann wirklich nicht sagen, dass von Haydn alles bekannt ist", meint Pratl. Der Kuratoriumsvoritzende wollte auch genau herausfinden, wo der Komponist in den Jahren nach seiner London-Reise logierte. Das erwies sich aber vorerst als unlösbar, "er muss mindestens jeden Sommer woanders gewohnt haben."

Die Prüfung der archivierten Schriftstücke aus den Jahren 1790 bis 1809 sei im Wesentlichen abgeschlossen, berichtete Pratl, der auch im Rahmen des musikwissenschaftlichen Symposiums der Haydntage zu dem Thema referiert. Als nächstes wolle man die Zeitspanne von 1761 bis 1790 und später auch die Zeit vor und nach Haydn ins Auge fassen: "Es ist noch ein Programm für wenigstens zwei Jahre, wenn nicht mehr." Stiftungs-Generalsekretär Walter Reicher bezeichnete die Funde als "sensationell. So etwas hat es schon sehr lange nicht mehr gegeben." Die wieder entdeckten Schriftstücke seien nicht einmal vergleichbar mit den 1995 in England versteigerten Streichquartetten. (APA)

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