Wer bastelt mit an virtuellen Welten

3. September 2004, 13:49
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Dem Spieltrieb zwischen Schmetterlingen und "Gulliver's Box" frönen

Linz - Schmetterlinge waren immer schon eine eher zerbrechliche, fragile Spezies. Doch ätherisch wie noch nie dienen sie derzeit im Ars Electronica Center (AEC) als Interface-Einheiten der Zukunft. In warmen Wasserdampf hineinprojiziert, flattern mehrere virtuelle Schmetterlinge aufgeregt davon, wenn sichtlich faszinierte Besucher des Museums der Zukunft ihre Hände nach ihnen ausstrecken. Neben dem mit der Goldenen Nica "Next Idea" ausgezeichneten Projekt "Moony" verlocken auch die anderen neuen Installationen im AEC zum Spielen und Mitmachen.

"Gulliver's Box" wurde heuer zu einer kleinen "Gulliver's World", in die sich die Besucher des Centers hineinstellen können: In einer "Blue Box" (die wegen der Blue Jeans-Häufigkeit im AEC grün ist) vollführte Bewegungen werden aufgezeichnet und in eine der kleinen Boxen hineingespeichert. Auf die runde Miniatur-Welt im Keller gestellt, wird man so zum Teil des Mixed-Reality-Geschehens. Wer nicht sich selbst, sondern sich als Schöpfer einer Kreatur verewigen will, kann sein Geschöpf aus einem Plastilin-artigen Stoff basteln, einscannen und zu den anderen Einwohnern gesellen.

Tier-Hybride und interaktiver "Haushalt"

Als Schöpfer von Tier-Hybriden haben sich die Macher des "Dog[Lab]01" geriert: Fünf Roboter-Viecher schauen aus wie Hunde, vereinen aber Eigenschaften verschiedener Tiere. "Dolly" etwa ist 50 Prozent Hund, 30 Prozent Ziege, 15 Prozent Kuh und fünf Prozent Schaf. Ganz ohne Klonen.

Alltägliche Vorgänge des Haushalts werden bei "Sur la table" zum Ausgangspunkt für Interaktivität: Jeder auf einem Tisch abgestellte Gegenstand zerfließt in einem Farbenstrom, der vom User manipuliert werden kann. Und alltägliche Brutalität des Computerspielens wird im hauseigenen Virtual Reality-Raum "CAVE" herzzerreißend: Kurt Hentschläger lässt bei "Karma" leblose Körper im Dunklen schweben, die die Besucher herumschieben, fallen lassen oder schlagen und foltern können.

Auto-Steuerung per Stimme

Wer schon immer geglaubt hat, dass Spielzeug-Autorennbahn- Fahren nicht ohne anfeuernde Schreierei funktionieren kann, bekommt bei "Commotion" recht: Über Stimme werden die Autos gesteuert. Überdimensionale Helme übernehmen dabei die Rolle der schimpfenden Mutter: Wer sein Auto aus der Rennbahn hinausschreit, dem wackelt der Kopf. Beim "I/O-Brush" nimmt ein Pinsel die Oberfläche realer Gegenstände wie Farbe in sich auf, mit der man dann am Bildschirm malen kann.

John Gerrard bewegt sich auf die "alte" Kunst zu und stellt ein "Watchful Portrait" ins Center. Auf diesem folgen zwei dreidimensionale Frauen-Porträts mit den Augen der Sonne bzw. dem Mond, durch Drehen der Bilderrahmen können diese von allen Seiten aus betrachtet werden. Im "Sky"-Cafe steht "Remote Furniture", zwei Schaukelstühle, die die Bewegungen der Schaukelnden zum jeweils anderen übertragen.

"Archiquarium"

Und die Geschichte der Ars Electronica selbst ist auch Teil der neuen Installationen im Museum der Zukunft: Im "Archiquarium" wird ein sowohl analoger als auch digitaler Überblick über das "Gedächtnistheater" von Gerhard Dirmoser gewährt, der alle 24 bisherigen Ausgaben des Festivals dokumentiert hat. Doch trotz aller Neuerungen in der Ausstellung: Am Festival-Freitag blieb die schon einige Jahre alte Flugmaschine "Humphrey" der Hit.(APA)

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