Meine, deine, unsere Kinder

2. September 2004, 21:22
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Komplizierte Beziehungsverhältnisse in der Patchwork-Familie - Außenstehene blicken oft nicht mehr durch

Patchwork-Familien haben es an sich, dass die Verhältnisse immer ein wenig kompliziert sind. So auch in der Familie von Patrick, wo eines ins andere greift. Patrick ist 18 Jahre alt, seine Schwester Iris ist 13. Sie ist eigentlich seine Halbschwester, weil sie einen anderen Vater hat. Patrick hat aber auch noch einen Halbbruder, Thomas, der ist fast gleich alt, hat aber eine andere Mutter. Und dieser Thomas hat wiederum einen Halbbruder, der heißt Marcel. Kompliziert? Aber sicher.

Patrick lebt gemeinsam mit seiner Halbschwester Iris und ihrer Mutter in einem gemeinsamen Haushalt. Sie haben ein kleines Reihenhaus südlich von Wien. Auch Michael, der Freund der Mutter, lebt gelegentlich bei ihnen. Der hat wenigstens noch kein eigenes Kind, kümmert sich aber um Patrick und Iris.

Der Vater der 13-jährigen Iris lebt mit einer anderen Frau zusammen. Die hat auch ein Kind aus einer früheren Beziehung, Tanja, 17. Sie kommt heuer in die 8. Klasse. Für Iris, die oft ihren Papa besucht, ist Tanja so etwas wie eine Stiefschwester. Die beiden Mädchen verstehen sich gut, auch Urlaube werden gemeinsam verbracht.

Der Vater des 18-jährigen Patrick lebt ebenfalls mit einer anderen Frau zusammen, sie haben gemeinsam ein Kind, zusätzlich gibt es noch ein weiteres Kind aus einer früheren Beziehung der Frau. Es ist ein feines Netzwerk an Beziehungen.

Sechs Kinder und acht Elternteile

Rechnet man alle Kinder zusammen, die irgendwie miteinander verbunden sind, kommt man auf sechs Kinder und acht Elternteile. Bezieht man die verschiedenen Großeltern ein, wird es endgültig unübersichtlich. Da gibt es Opas, die streng genommen eigentlich familiär mit gar niemanden verbunden sind.

Die Kinder wechseln zwischen den Haushalten, und sie gehen ganz unterschiedlich damit um. Iris kennt es gar nicht anders. Es gab von klein auf schon ganz unterschiedliche Bezugspersonen in verschiedenen Haushalten, und Iris genoss jeweils die volle Aufmerksamkeit, wo sie eben gerade war. Patrick hat dagegen die Trennung der Eltern sehr intensiv mitbekommen, den ganzen Streit und den Schmerz danach. Der neuen Partnerin des Vaters steht er reserviert gegenüber, darunter hat auch der Kontakt zu seinem Vater gelitten. Der Freund der Mutter müht sich redlich als Ersatzvater ab - mit unterschiedlichen Erfolgen. Erschwerend kommt eine ausgeprägte Pubertät hinzu, da fliegen schon einmal die Fetzen, und irgendwann heißt es: "Du hast mir gar nichts zu sagen, du bist ja nicht mein Vater." Auch für die Mutter keine leichte Situation. Im Prinzip ist sie Alleinerzieherin, aber im Prinzip gibt es auch noch zwei Männer, die mitreden wollen - oder sollen.

Interfamiliäre Zusammentreffen

Gelegentlich gibt es interfamiliäre Zusammentreffen. Einen Abend zusammensitzen und plaudern, das geht schon, ein gemeinsamer Urlaub über drei Familien (oder Haushalte) ist aber undenkbar.

Es gibt aber auch andere Beispiele, wo Mann und Frau jeweils eigene Kinder in die neue Familie einbrachten und dann noch für gemeinsam Nachwuchs gesorgt haben. Werner und Susi etwa. Das Verhältnis zu den jeweiligen Ex' ist mittlerweile entkrampft. Es gibt einen regen Besuchsverkehr und gemeinsame Urlaube, zu denen auch die neuen Partner anreisen. Die eine ist Mama, der andere Werner, dann wieder Susi und Papa. Außenstehende kommen da längst nicht mehr mit. (Michael Völker; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.9.2004)

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    Außenstehende kommen bei den Beziehungen in Patchworkfamilien oft längst nicht mehr mit

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