Kerry-Bashing am laufenden Band

6. September 2004, 09:44
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Parteikonvent der Republikaner: Kübelweise Spott und Hohn für demokratischen Kontrahenten von George W. Bush

In einer Gesellschaft, die über ein derart solides religiöses Unterfutter verfügt wie die amerikanische, ist es vielleicht kein Zufall, dass auch die Nominierungsparteitage ausgesprochen messianische Züge tragen. Traditionsgemäß trifft die zentrale Figur der Veranstaltung erst am letzten Tag am Ort des Geschehens ein, nachdem seine Vorredner den Boden bereitet haben.

An diesen Ablaufplan hielten sich auch die Republikaner in NYC. Die Woche über bewegte sich Bush in erratischen Schleifen durch die "Swing States", ehe er sich am Donnerstag zum politischen Hauptevent einfand und im "Madison Square Garden" versprach, dass er weitere vier Jahre als Retter der Nation zur Verfügung stehen werde. Für seinen Auftritt war eine spezielle Bühne konstruiert worden, bei dem der nationale Oberbefehlshaber auf einem tortenartigen Aufbau mitten im Saal stand, während im Hintergrund auf einem überdimensionalen Triptychon aus Videowänden patriotisch erhebende Bilder in den Saal gespielt wurden.

Der Mittwochabend war vor allem dem gewidmet, was amerikanische Wahlkampfstrategen "Go negative" nennen: Attacken auf den politischen Gegner, die so heftig ausfielen, dass Debra De Shong, eine Wahlkampfstrategin von John Kerry tags darauf befand, die Republikaner hätten offenbar die Kontrolle über ihren Parteitag verloren: "So viel Negativität, so viel Gehässigkeit waren noch nie da."

In der Tat wurde den ganzen Abend starker Tobak verabreicht: Zell Miller, ein demokratischer Senator aus Georgia, der im November Bush wählt, meinte, Kerry sei schwach, unentschlossen und hätte nichts dagegen, wenn in Paris ("Buh! Buh! Buh!") darüber entschieden würde, wie die US-Verteidigungspolitik auszusehen habe.

Kerry habe in seiner langen Senatorenkarriere gegen die Anschaffung von mindestens zehn neuen Waffengattungen gestimmt. Da stelle sich die Frage, ob Kerry die Nation mit "Spitballs" verteidigen wolle, mit Spucke fabrizierten Papierkügelchen, mit denen sich ungezogene amerikanische Schüler bewerfen.

Vizepräsident Dick Cheney haute nicht minder beherzt hin. Er warf Kerry vor, dieser habe nach den Anschlägen des 11. 9. 2001 schlicht und einfach nicht verstanden, mit welcher neuen Bedrohung es die Vereinigten Staaten zu tun hätten. Kerry wolle ein sensibleres Vorgehen im Krieg gegen den Terror (Hohngelächter), als ob sich "Al-Kaida von unserer weichen Seite beeindrucken ließe".

Kerry wolle wichtige sicherheitspolitische Entscheidungen an die Vereinten Nationen delegieren. (Jeder Seitenhieb auf die UNO verbürgt, wie schon am Vortag bei der Rede von Arnold Schwarzenegger, einen sicheren Beifallssturm im Saal.) Bush dagegen werde nie irgendjemanden um Erlaubnis bitten, wenn es darum geht, das amerikanische Volk zu verteidigen. Tobender Applaus und anhaltende, durch ein Hin- und Herschwanken mit dem Oberkörper untermalte "Flip Flop"-Rufe, mit denen die Delegierten den angeblichen Wankelmut Kerrys veranschaulichen wollen.

Quasi religiösen Charakter hatten an diesem Abend auch die Gedenkfestivitäten für den heuer verstorbenen Expräsidenten Ronald Reagan, der in einer Videoeinspielung als einer der größten Präsidenten aller Zeiten verehrt wurde. Bush hat schon bei den Wahlen 2000 versucht, sich als der legitime Nachfolger Reagans zu präsentieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.9.2004)

Von Christoph Winder aus New York
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    Eine Demonstrantin wird recht unsanft festgenommen: Eine von 1760 Personen bis Mittwochabend, so viele wie noch nie bei einem Parteitag in der Geschichte der USA.

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