Dr. Weisselberg

8. September 2004, 15:39
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Teil 38 von Ilse Aichingers Artikelserie "Schattenspiele"

Ein echter Schanghaier ist Dr. David Weisselberg aus der Burggasse nicht geworden. Sicher noch weniger, als es ihm je gelang, ein echter Wiener zu werden. Einer, der nicht untergeht.

Schanghai war seit Mitte des 19. Jahrhunderts ein Einwanderungsland, ein Magnet. Der Schanghaier verdankt sein Selbstbewusstsein dem Erfolg der Stadt und ihrer Dynamik. Möglich wurde dieser Aufstieg durch die zugezogenen, höchst gewieften Geschäftsleute. Die Schanghaier zählen sich zur Aristokratie des Proletariats. Aldous Huxley schreibt: "In keiner Stadt, im Westen wie im Osten, hatte ich jemals solch einen Eindruck von konzentriertem, üppigem, geballtem Leben."

"Planen Sie Ihre kurze Zeit sorgfältig", rät der Reiseführer. Aber Dr. Weisselberg hatte keine Möglichkeit, seine Zeit sorgfältig zu planen, sie gehörte ihm so wenig, wie ein Belastungszeuge sich gehören kann; und ob ihm daran lag, eine gute Figur zu machen? Sein Blick war auf die Plomben und frühzeitig kariösen Zähne seiner oft noch kindlichen Patienten gerichtet. Er schonte sie und heilte, woran keiner stirbt. Seine Szene war die Burggasse im 7. Wiener Bezirk, schräg gegenüber von "Notre Dame de Sion". Aber seine Dame war sie nicht, sie nahm keine Notiz von ihm und warnte ihn vor nichts. Es hätte auch keine Warnung geholfen, kein Rettungshinweis. Er war auf Details konzentriert, auf die es ihm ankam.

So gelang ihm, dem sonst wenig gelang: "Ein unvollständiges Bild von sich zu hinterlassen", wie Cioran es nennt; aber er hinterließ nichts als sein altmodisches Lächeln und hatte auch nichts vergeudet als sich selbst. "Kein Wort kann anderes erhoffen als seine eigene Niederlage." Wie viel der Dr. David Weisselberg erhoffte, werden auch die wenigen, die sich die reine, anlasslose Müdigkeit erhoffen, nicht erfahren: Schanghai oder Hongkong?

Im "Special" über Hongkong ist vom Meerblick die Rede, von Hochhausschluchten, von Kauf und Kultur, und dazu: über 200 Insidertipps von Leuten, die sich in Hongkong auskennen, Sprachführer inklusive. "Mit dem Mini-Dolmetscher sind Sie niemals sprachlos."

Sprachlos würden nur wenige bleiben, die fast ein Menschenalter später an einem Frühherbsttag in einem Wiener Kaffeehaus erfahren, dass nur ganz wenigen so wenig glückte wie dem Dr. Weisselberg, der mit fremden Zähnen viel sorgfältiger umging als mit seinen eigenen Chancen oder seinem eigenen Tod: Er hat weder den Gold- fischmarkt von Hongkong noch die Filme der chinesischen Filmschaffenden in Schanghai erreicht.

Er hat speziell und detailliert erfahren, was er schon wusste: nicht die französische Konzession Schanghais, noch den Einkaufsbummel in Hongkong, auch nicht die Zweitrangigkeit der Emigration. Er hat nichts und nicht einmal seine eigene Rettung im Verborgenen vorbereitet. Es gelang ihm schon in der Burggasse, in einem Maß der Unzugehörigkeit ausgesetzt zu bleiben, das weit über mehr oder weniger chinesische Fluchtziele hinausgeht.

"Mir ist nichts fremd", höre ich in der Hofzuckerbäckerei Demel am Nebentisch. "Die Wahrheit liegt im individuellen Drama", konstatiert Cioran. Aber das Ende des Dr. Weisselberg in einem der vielen Vernichtungslager macht sein freundliches, fast devotes Lächeln zum Menetekel. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.9.2004)

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    Schanghai war seit Mitte des 19. Jahrhunderts ein Einwanderungsland, ein Magnet.

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