"Frauenpolitik aus ihrer Vollnarkose erwecken"

4. September 2004, 12:00
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Martina Eisendle, Grüne Kandidatin für die Vorarlberger Landtags­wahlen, über das Recht auf Abtreibung und ein "quasi" Medienmonopol - ein E-Mail-Interview

Martina Eisendle, Sozialarbeiterin und Medienfrau, kandidiert für die Vorarlberger Grünen für die kommende Landtagswahl. Im E-Mail-Interview erklärt sie dieStandard.at, was erfolgreiche Frauenpolitik in Vorarlberg wäre, warum Frauen grün wählen sollen, warum sich öffentliche Spitäler einem Schwangerschaftsabbruch öffnen sollen und wer im Ländle zuwenig Artikulationsmöglichkeiten hat.

dieStandard.at: Seit wann sind Sie bei den Grünen Vorarlberg aktiv? Was waren Ihre Beweggründe?

Eisendle: Seit etwa acht Jahren bin ich außerparlamentarisch zu Frauen/Mädchen/Migrations- und Kulturpolitik in verschiedensten Gruppen und Institutionen aktiv. "Partei ergriffen" habe ich dann 2003. Politischer Aktivismus wird zunehmend mühsamer, weil dieser meist nur ehrenamtlich und selbstausbeutend funktioniert. Grünwählerin war ich immer schon, und bei den Grünen in Vorarlberg finde ich sowohl inhaltlich als auch persönlich eine hochinteressante Verortung.

dieStandard.at: Warum sollen Frauen die Grünen wählen?

Eisendle: Um die Frauenpolitik aus ihrer Vollnarkose zu erwecken! Und damit sich endlich etwas ändert! Es liegt sehr viel im Argen. Es fehlen laut Statistik Austria 6000 Kinder- und SchülerInnenbetreuungsplätze (und dies betrifft überall aber speziell bei uns vorwiegend Frauen). Das "Ländle" hat den höchsten Einkommensunterschied zwischen den Geschlechtern in Österreich (42 Prozent), d.h. Es ist sogar EU-weit absolutes Schlusslicht! Es gibt kein Gleichbehandlungsgesetz sondern nur ein zahnloses Förderungsgesetz, das gar nichts bringt. Alle Frauen, die genug von der "Heim-an-den-Herd" Politik der schwarzen Mehrheit mit ihrem blauen Junior haben, sind gut beraten, GRÜN zu wählen!

dieStandard.at: Sie bezeichnen Ihre Kandidatur als "Langzeitstrategie". Glauben Sie, nach dieser Wahl nicht in den Landtag einzuziehen?

Eisendle: Ich bin auf Listenplatz sechs und natürlich wäre es schön, wenn wir soviele Mandate machen würden. Eine 200 prozentige Steigerung? Vorstellbar wäre es ja, bei dem Turbo, mit dem wir momentan unterwegs sind. Realistischerweise wird zusätzlich zu Johannes Rauch und Katharina Kiesflecker noch Karin Fritz und Bernd Bösch einziehen. Langzeitstrategie deshalb, weil ich dann eben nach fünf jahren wieder kandidiere.

dieStandard.at: Sie sind Vorsitzende von Proton, dem Freien Radio in Vorarlberg, das sich als "letzte freie Stimme im Vorarlberger Mediensumpf" bezeichnet. Wem wollen Sie zukünftig Gehör verschaffen?

Eisendle: Es gibt viele Menschen in Vorarlberg, welche aufgrund des "quasi" Medienmonopoles wenig Artikulationsmöglichkeiten haben: z.B. Mädchen und Frauen mit Migrationsgeschichte. Oder kulturschaffende Frauen. Oder Menschen, welche sich nicht dem "verordneten Alemannentum" und seinen reaktionären Gesetzmäßigkeiten unterordnen wollen. Z.B. junge Leute, die wegen ihres Cannabiskonsums kriminalisiert werden.

dieStandard.at: In Salzburg wird das Recht auf Abtreibung in öffentlichen Spitälern diskutiert. In Vorarlberg ist der Schwangerschaftsabbruch nur privat möglich. Sehen Sie Handlungsbedarf?

Eisendle: Ja, großen. Es gibt zwar seit einigen Jahren durch eine private Praxis die Möglichkeit des Abbruches, es ist jedoch nicht einzusehen, warum wir Frauen nach dreißig Jahren Fristenregelung noch immer Übergriffen von rechtskatholischen Organisationen ausgesetzt sein sollen. Diese patroulieren regelmässig vor dieser Praxis und belästigen die Frauen, die die Praxis betreten. Die Möglichkeit des Abbruches in öffentlichen Spitälern ist eine sinnvolle Ergänzung.

dieStandard.at: Wie würden Sie erfolgreiche Frauenpolitik in Vorarlberg charakterisieren?

Eisendle: Sie würde sich durch ihre Ergebnisse feststellen lassen: Erfolgreiche Frauenpolitik ist eigenständig, Frauen und Mädcheneinrichtungen sind ausgezeichnet ausfinanziert. Zeichen erfolgreicher Frauenpolitik wäre ein Landesgleichbehandlungsgesetz. Es gibt 50 Prozent Frauen in allen Bereichen des öffentlichen Lebens. Alle Budgets sind gegendert. Jede Vorarlbergerin hat eine eigene Pension und in jedem Bezirk steht ein Mädchenzentrum und ALLE tun ALLES, um die Forderungen des Frauenvolksbegehrens umzusetzen. Vorarlberg als frauenpolitisches Wunderland? Ein weiter Weg, also gehen wir los!

dieStandard.at: Das Grüne Ziel für die Landtagswahl am 19. September?

Eisendle: Vier Mandate, Klubstärke wieder erringen und die ÖVP-Mehrheit brechen.

dieStandard.at: Und Ihr persönliches Ziel?

Eisendle: Hmm. Abschaffung der Missvorarlbergwahl und nie wieder wird eine "Funkenhexe" verbrannt... *g*, nein, ernsthaft: Mein Ziel ist es, zu einer eindeutigen Stärkung der Grünen in Vorarlberg beizutragen.

Zur Person

Martina Eisendle wurde 1972 in Innsbruck geboren. Die Sozialarbeiterin und Vorsitzende von Proton war u.a. Sprecherin des Vorarlberger Frauenrates, Kurzzeitsennerin, Sendungsgestalterin bei "proton, das freie radio", freie Journalistin und Moderatorin, Mitakteurin bei Theaterproduktionen in Vorarlberg und Projektmitarbeiterin im Mädchenzentrum AmaZone.

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Martina Eisendle

Proton

derStandard.at zur Vorarlberg-Wahl
  • Martina Eisendle kandidiert für die Vorarlberger Grünen.
    foto: grüne
    Martina Eisendle kandidiert für die Vorarlberger Grünen.
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