Vielerlei familiäre Normalität

9. September 2004, 18:10
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Die Gesellschaft ändert sich - aber nicht so, dass die Politik davon überfordert wäre - von Conrad Seidl

Hat Österreich nichts Wichtigeres zu tun, als über die Homo-Ehe zu reden? Doch, ja: Seit einigen Tagen steht die Pensionsharmonisierung wieder auf der Agenda - und ihre Finanzierung. Sogar die Wertschöpfungsabgabe, eine Lieblingsidee des früheren Sozialministers Alfred Dallinger, ist wieder im Gespräch - weil ja vielleicht doch eine Art Maschinensteuer das Sozialsystem (mit)finanzieren könnte. Die Arbeitswelten haben sich eben geändert; die sozialen Verhältnisse, das Zusammenleben der Menschen insgesamt, auch. Aber eben nicht so stark, nicht so plötzlich, nicht so unbeherrschbar, wie manche Einzelbeobachtung - und eine vermeintlich große Zahl tatsächlich Benachteiligter - nahe legen würde. Beispiel Arbeitswelt: Ja, es stimmt, die Arbeitsplätze sind nicht mehr so sicher wie früher - nicht einmal im Öffentlichen Dienst kann man mehr Lebenskarrieren und Lebensverdienstsummen mit ausreichender Sicherheit planen. Andererseits gibt es heute neue Chancen nicht nur zum lebenslangen Lernen, sondern auch zum lebenslangen Arbeiten; mit wechselnden Einkommenshöhen, aber einer hohen Wahrscheinlichkeit sein Auslangen zu finden. Was Hand in Hand mit dem Sozialsystem geht: Das wird zwar immer teurer, aber es sichert eben auch wesentlich mehr Personen auf einem Wohlfahrtsniveau ab, das vor 30 Jahren noch unvorstellbar war. Dass Nachjustierungen notwendig sind, hat sich herumgesprochen - und wird von den Betroffenen akzeptiert. Stärker akzeptiert, als sich die Politiker noch vor den letzten Wahlen (als selbst die jetzt federführende ÖVP Pensionsreformabsichten schlicht leugnete) einzugestehen trauten. Bei all dem Wandel würden sich die Leute halt wenigstens im Privaten gerne so einrichten, wie es ihren persönlichen Vorstellungen entspricht. Diese sind übrigens nur graduell anders als vor 30, 70 oder 100 Jahren: Liebe, Treue, Partnerschaft (womit in den allermeisten Fällen ein Partner des anderen Geschlechts gemeint ist) stehen in den meisten Umfragen nach wie vor hoch im Kurs, auch und gerade bei jüngeren Befragten. "Kinder haben" ist ein verbreiteter Zukunftswunsch, wenn auch statistisch gesehen tendenziell in eine immer weitere, für Elternschaft vielleicht zu späte, Zukunft projiziert. Dennoch: 80 Prozent der Menschen über 40 haben zumindest ein Kind - wir sterben also keineswegs plötzlich aus. Und diese Kinder leben am häufigsten in ganz "normalen" Familien, mit Vater und Mutter im selben Haushalt - das trifft immerhin für 85 Prozent der Menschen unter 20 Jahren zu. Und diese Kleinfamilien sind gut vernetzt: Ebenfalls 85 Prozent der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben zu vier bis neun Verwandten einen mehr oder weniger engen Kontakt. Es ist also nicht von der Hand zu weisen, dass dieses Kleinfamilienmodell unter bevölkerungspolitischen Aspekten gefördert werden muss: Hier wachsen die meisten künftigen Steuer- und Pensionsbeitragszahler heran. Andererseits gibt es Scheidungswaisen, gibt es finanziell überforderte Alleinerzieherinnen, gibt es Familien, wo ein Elternteil nur statistisch (aber nicht mit seinem Einkommen) vorhanden ist - hier wachsen die künftigen Steuer- und Pensionsbeitragszahler eben unter besonders schwierigen Bedingungen heran. Und es gibt eine Reihe weiterer Lebenssituationen, in die man aufgrund der einen oder anderen Lebensentscheidung kommt - in manchen braucht man mehr, in anderen vielleicht gar keine Hilfe. Manches kann man unter "Eigenverantwortung" getrost dem politischen Zugriff entziehen; um manche, gravierende Folgen, muss sich die Politik kümmern - nach einer mehr oder weniger freiwillig getroffenen Entscheidung, seinen Lebensweg so oder so, mit mehr oder weniger Kompromissen und mehr oder weniger persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten (und daraus folgenden Ersparnissen). Die Anerkennung von schwulen und lesbischen Lebensgemeinschaften ist da tatsächlich ein Randproblem - ein relativ leicht lösbares. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.9.2004)
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