Die Gegenwart der Zukunft von gestern

2. September 2004, 18:03
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Besichtigung nun möglich: Die meisten Arbeiten des 18. Prix Ars Electronica sind mit ziemlichem Aufwand gut gemeint

Im Linzer O.K. Centrum für Gegenwartskunst können seit Donnerstag preisgekrönte und andere Arbeiten des 18. Prix Ars Electronica besichtigt werden. Das Gros der Beiträge ist mit ziemlichem Aufwand gut gemeint.


Linz – 1979 wurde in Linz die erste Ars Electronica veranstaltet, das "Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft". 1987, als schon ziemlich klar war, dass die ursprünglich wohnzimmergroßen Elektronikbasteleien wie Soundgeneratoren oder Ur-Laser etc. nicht nur monatlich schrumpfen, sondern tatsächlich die "Gesellschaft" verändern werden, wurde der zugehörige Prix Ars Electronica ins Leben gerufen – und der heute wahrscheinlich weltweit bedeutendste Wettbewerb für digitale Medien.

Mit dem Ars Electronica Center hat Linz dann 1996 das am schnellsten (ver-)alternde Museum der Welt ins Leben gerufen. Es versteht sich als Museum der Zukunft, und ist genau deshalb dauernd im Stress, den Anschluss nicht zu verpassen. Weswegen es wohl schon 1997 zur Gründung des "Futurelab" kam, einem Forschungslabor für Gegenstände, deren Halbwertszeiten rabiat gegen null tendieren.

Jedenfalls ist ein Preisträger 2004 schon so bekannt, das die meisten Leute ihn längst vergessen haben: der Animationsfilm "Finding Nemo" der Pixar-Animation-Studios, die in Linz ein Prix-Abo haben, seit John Lassetter eine Bügelzuglampe anrührend durch den Cyberspace hopsen ließ.

Wie schon in den vergangenen Jahren mag auch heuer keiner der Ausgezeichneten und besonders Erwähnten einen Betrag zu einer Debatte um Ästhetik liefern. Eher schon geht es um Machbarkeiten und deren möglichst originelle Umsetzung. Was wäre etwa – und das hat man sich bisher noch nie gefragt –, wenn Bettas (siamesische Kampffische) ihr Aquarium selbst bewegen könnten?

Ken Rinaldo hat das ausprobiert, hat ganz einfach allerhand Elektronik und Mechanik in so ein Aquarium – nicht in den Fisch, "Life Science" als Ars-Thema gab es schon einmal – eingebaut. Und so ist es dem Betta jetzt schier unmöglich an die Grenzen seines Gefängnisses zu kommen, weil sich die Goldfischkugel nämlich, kaum dass er die Flossen rührt, in Schwimmrichtung mitbewegt. Man könnte jetzt, längst gewähnt daran, dass den dümmsten Ideen oft der komplexeste Überbau als Beipackzettel anhaftet, an eine lustigen Beitrag zum Thema Grenzüberschreitung unter besonderer Berücksichtigung von Foucault denken. Irrt dabei aber gewaltig.

Müde Fische

Weil es nämlich mehrere von diesen Aquarien gibt, die Bettas daher dank modernster Technik endlich in der Lage sind, aufeinander zuzuschwimmen. Die können jetzt endlich mit ihren Gläsern anstoßen. Und da muss man jetzt, sagt Ken Rinaldo, ganz fest an Machiavelli denken, weil die Fische interagieren, und da sie Raubfische sind ganz offensichtlich in den Kategorien "Manipulation, Bestrafung und Versöhnung" agieren. Bei der Pressevorführung am Donnerstag Vormittag waren die Bettas aber noch müde, und haben demnach sich und die Aquarien kaum bewegt.

Egal, sie mussten zumindest nicht als Interface herhalten. Der Zug scheint abgefahren. Nachdem zwei Jahrzehnte lang alles erprobt wurde, den harmlosen Besucher zum Teil der Installation zu machen, ist heuer wieder Staunen angesagt, ein (relativ) passives Sich-Berieseln-Lassen. Etwa von "Listening Post" (Mark Hansen/Ben Rubin), einer Arbeit zum ewig reizvollen Thema der Umsetzung von Web-Signalen in Ton und Bild. Aus dem dichten Mail- und Chatverkehr wird auch diesmal ein audiovisueller Klangteppich gewoben. Einfach zum Nachdenken.

Unmittelbar umsetzen ließe sich Eingefallenes in "3 minutes". Darunter muss man sich ein Zimmer vorstellen, dass sich nach Lust und Laune verändern lässt. Ein Fingerzeig genügt, und schon sitzt man anstatt im Wald auf einem Designersofa, es verschmilzt also dauernd das Materielle mit dem Immateriellen. Wir sprechen daher von einem "hybriden Habitat".

Feng Mengbo hat auch die Seiten gewechselt, sich in "Ah_Q" selbst zum Akteur eines bekannten Konsolen-Spiels ("Quake III") programmiert. Da ihm das seit der letzten Dokumenta offensichtlich nicht fad wird, scheint es lustig zu sein. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.9.2004)

Von
Markus Mittringer
  • Artikelbild
    foto: ars
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