George W. Bush wird gewinnen

9. September 2004, 18:10
85 Postings

Für die allermeisten Europäer eine äußerst unangenehme Vorstellung, aber wir sollten uns daran gewöhnen - Eine Kolumne von Hans Rauscher

Die US-Wirtschaft sieht nicht besonders gut aus; der Irak ist ein Desaster; in Afghanistan kommen die Warlords wieder; der "Krieg gegen den Terror" hat mehr Terror erzeugt (vor allem im Irak); die USA sind in der Welt verhasst wie nie; wirkliche Bedrohungen, die von nuklearen Schwellenländern wie Nordkorea und dem Iran ausgehen, werden ignoriert; der Präsident ist alles andere als ein Charismatiker, aber trotzdem wird, so wie es jetzt aussieht, George W. Bush, die Wahl im November gewinnen. "Four more years of Bush". Das ist für die allermeisten Europäer eine äußerst unangenehme Vorstellung, aber wir sollten uns daran gewöhnen. Es gibt im Wesentlichen nur einen Grund dafür: Bush wird bei allen seinen Fehlern als starke Führungs persönlichkeit empfunden, John F. Kerry nicht. "Er muss die Wähler nicht davon überzeugen, dass er smart ist, sondern davon, dass er ein Leader ist", sagte Bill Clinton in einer Spätnachtrunde beim Parteitag der Demokraten, wo Kerry einen lauwarmen Eindruck hinterließ. Bis jetzt hat Kerry das nicht geschafft, sondern er hat sich von den "political killers" der Republikaner sein einziges Atout wegnehmen lassen: dass er sich freiwillig für Vietnam gemeldet und dort tapfer gekämpft hat, während Bush sich mit den Beziehungen seines Vaters in die Heimwehr von Texas drückte und dort offenbar nicht einmal regelmäßig zum Dienst erschien. Bush ist eine ziemlich gefährliche Ausgabe eines Politikers: ein Überzeugungstäter mit mehr als schlichten Überzeugungen, der aus Fehlern – oder der Begegnung mit der Realität nichts lernt. Aber er handelt und die Mehrheit der Amerikaner betrachtet sich als im Krieg befindlich. Bush ist nicht perfekt, aber sie halten ihn für einen besseren "commander in chief" als Kerry. Unmittelbar nach 9/11 stimmte das sogar. Bush tat das Richtige und sorgte dafür, dass Al- Kaida wenigstens nicht einen ganzen Staat – Afghanistan – als Operationsbasis behielt. Doch der Irakkrieg war bereits eine unglaublich arrogante und dumme Abweichung vom "Kampf gegen den Terror". So sehr man Saddam Husseins Sturz begrüßen muss, mit Terrorismus hatte er wirklich so gut wie nichts zu tun. Heute sind die USA nicht einmal annähernd Herren des Landes. Wie der renommierte US- Autor Richard Reeves kürzlich schrieb, spielt das eigentliche Thema des Wahlkampfes keine Rolle: Bush ist inkompetent. Er ist kein guter Präsident. Er hat das Land gespalten, die Alliierten entfremdet, die Wirtschaft mit einem aberwitzigen Budgetdefizit gefährdet und einen ungewinnbaren Krieg begonnen. Allein das böte Angriffsflächen genug, abgesehen davon, dass er radikale christliche Fundamentalisten in wichtigste Ämter (Justizminister) gesetzt, Bürgerrechte unterminiert und die Verlotterung der Armee zur Folterbande zugelassen hat. Aber John F. Kerry kann nichts daraus machen. Er hofft offenbar, die Amerika ner würden ihn im Tiefschlaf zum Präsidenten machen. Die bösartigen Attacken auf seine persönliche Integrität im Zusammenhang mit Vietnam, die die rechtsradikalen Dreckschleuderer unter den Republikanern starteten, wollte er zuerst ignorieren, dann antwortete er lahm. Er entlässt Bush aus der Verantwortung für die zahllosen Desaster und deutet nur an, er selbst würde das irgendwie besser machen. Mag sein, dass eine Be schleunigung der Wirtschaftsflaute oder irgendein militärischer Rückschlag Kerry doch noch ins Weiße Haus verhilft. Aus Eigenem wird er es nicht schaffen. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.9.2004)
Share if you care.