STANDARD-Interview: "Moment für Verhandlungen ein für alle Mal verpasst"

5. September 2004, 14:57
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Der russische Orient- und Kaukasusexperte Alexej Malaschenko über die Perspektiven des Tschetschenienkonflikts und die Auswirkungen auf Putins Autorität

Standard: Kann die Geiselnahme Moskaus Tschetschenienpolitik verändern?

Malaschenko: Ich denke, nein. Das Verhältnis zwischen Präsident Putin und den Rebellen wird nach dem alten Szenario stattfinden. Würde man die Politik ändern, zeigte dies das Versagen des Politikers Putin. Selbst wenn irgendeine Flexibilität auftauchte, brächte sie absolut nichts mehr.

STANDARD: Warum nicht?

Malaschenko: Erstens würde der ohnehin politisch schwache Präsident Putin noch schwächer dastehen ... Zweitens, mit wem soll man reden? Mit Schamil Bassajew (tschetschenischer Rebellenführer, Red.) ist es unmöglich, da könnte man auch mit Bin Laden reden.

Mit Aslan Maschadow (von Russland nicht anerkannter einstiger gewählter Präsident Tschetscheniens, Red.) ist es sinnlos, denn dann bleibt ja Bassajew übrig. Drittens, worüber soll man reden? Über die Unabhängigkeit kann Russland nicht, über die Kapitulation die Rebellen nicht.

Ich denke, dass der Moment für Verhandlungen ein für alle Mal verpasst wurde – 1996, 1999, die letzte Chance war nach der Geiselnahme im Moskauer Theater Nordost im Oktober 2002, denn damals waren die Geiselnehmer tot, das hätte man als Sieg gegenüber Maschadow ausgeben und sagen können: Seht, wir werden euch alle vernichten, also besser, wir verhandeln.

STANDARD: Was könnte ein Ausweg sein?

Malaschenko: Es gibt keinen Ausweg, der Konflikt wird noch eine Generation dauern und er wird periodisch in solchen Terrorexzessen aufflackern.

STANDARD: Welche innenpolitischen Auswirkungen kann der jetzige Terror haben?

Malaschenko: Das ist noch schwer zu sagen. Putin hat bisher keinen ebenbürtigen politischen Gegner, aber die Gruppen in seiner Umgebung sind sehr unterschiedlich und haben eigene Interessen – ich schließe nicht aus, dass diese Interessen in Konflikt geraten.

Jedenfalls werden Putins Autorität und Rating – wie bei Bush – durch die Situation im Kaukasus fallen.

STANDARD: Wird Russland einmal um internationale Hilfe hinsichtlich Tschetschenien ansuchen?

Malaschenko: Nein. Die Einberufung des UN-Sicherheitsrates geschah ja nicht wegen Tschetschenien, sondern wegen des internationalen Terrorismus, um zu zeigen, dass Russland gegen diesen kämpft.

STANDARD: Welchen Terror hat Russland also?

Malaschenko: Es sind beide Elemente vorhanden, aber vor allem ist es die tschetschenische und dann überhaupt die nordkaukasische Situation. Die islamistisch-internationale Komponente kommt erst danach.

Ich glaube auch nicht, dass die "Islambuli-Brigade" all das getan hat – diese Organisation ist klein. Allerdings kooperieren sie und geben ihren Namen her.

STANDARD: Beobachten Sie eine Radikalisierung in Tschetschenien?

Malaschenko: Ich beobachte eine Ramsanisierung. Ramsan Kadyrow (Sohn des ermordeten Präsidenten, Red.) träumt bereits von der Machtübernahme. Die Zuspitzung wird sich innerhalb des prorussischen Flügels in Tschetschenien abspielen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.9.2004)

Zur Person

Alexej Malaschenko, soeben aus Grosny zurückgekehrt, ist Orient- und Kaukasusexperte am Moskauer Carnegie-Institut. Er leitet das Institut für Asien und Afrika an der Moskauer Staatlichen Universität und ist seit 2000 Professor am Staatlichen Institut für Internationale Beziehungen.

  •  Alexej
Malaschenko: "Es gibt keinen
Ausweg, der Konflikt wird
noch eine Generation dauern
und er wird periodisch in solchen Terrorexzessen aufflackern."

    Alexej Malaschenko: "Es gibt keinen Ausweg, der Konflikt wird noch eine Generation dauern und er wird periodisch in solchen Terrorexzessen aufflackern."

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