Weltbank-Direktor Holzmann: Debatte geht am Thema vorbei

2. September 2004, 18:57
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Gestiegene Lebenszeit soll sich auf Arbeit, Freizeit und Weiterbildung verteilen - Weniger Lohn bei Jobwechsel im Alter?

Alpbach - Für den Grazer Pensionsexperten und Weltbankdirektor Robert Holzmann läuft die aktuelle Pensionsdebatte in Österreich am Thema vorbei. "Es geht darum, mit der gesteigerten Lebenserwartung umzugehen - mit mehr Arbeit und mehr Freizeit", sagte Holzmann am Rande des Europäischen Forum Alpbach. Die jetzigen Grenzen zwischen Zeiten der Ausbildung, der Arbeit und des Ruhestandes würden zunehmen verschwimmen, auch das Aussteigen für ein oder zwei Jahre sei möglich. Die Konzentration auf 45 Arbeitsjahre oder die so genannte "Hacklerregelung" sei zu wenig.

Einkommenshöhe bei Jobwechsel senken

Allerdings müsse dafür gesorgt werden, dass es dann auch einen Arbeitsmarkt für ältere Menschen gebe, unterstrich Holzmann. Dieser notwendige zweite Teil werde in der Debatte oft ausgeblendet. Um die Beschäftigungsmöglichkeiten für ältere Arbeitnehmer anzukurbeln, könnte sich Holzmann vorstellen, bei einem Jobwechsel etwa ab 60 Jahren die Einkommenshöhe zu senken. Dieses Modell nach japanischem Vorbild könnte notwendig sein, "weil Lohn und Produktivität auseinander fallen".

Holzmanns Modell sieht eine Art persönliches Pensionskonto vor, dessen Höhe von Einzahlungen und Verzinsung abhängt. Wegen des Zinseszinseffekts sei dabei ein möglichst früher Beginn der Einzahlungen wünschenswert. Eine um fünf oder zehn Jahre längere Arbeitszeit würde die Höhe des Pensionskontos deutlich erhöhen. Generell hält Holzmann eine um 5 bis 10 Jahre längere Arbeitszeit für erforderlich. Der Zeitpunkt des Pensionsantritts solle die freie Entscheidung jedes einzelnen sein, wobei es Ober- und Untergrenzen geben sollte. Die Umstellung könne freilich nicht von heute auf morgen erfolgen.

Kritik an Sozialpartnerschaft

Um die eigene Qualifikation zu erhöhen, sei ständige Weiterbildung erforderlich. "Die Sozialpartnerschaft hat hier zu wenig getan", kritisiert Holzmann. Beim "lebenslangen Lernen" müssten auch die Sozialpartner verstärkt in die Pflicht genommen werden. Arbeitnehmer müssten auch bereit sein, die Kosten für ihre Weiterbildung selbst zu übernehmen.

Holzmann präsentierte in Alpbach auch den demographischen Hintergrund für sein Modell: Die sinkende Erwerbsbevölkerung in den Industrieländern bei gleichzeitig starkem Bevölkerungszuwachs werde letztlich auch zu Verschiebungen des Ausgabenprofils weltweit führen. Bis 2050 soll die Zahl der Arbeitskräfte in der EU-25 um 53 Millionen abnehmen, während sie allein in Nordafrika sowie im Nahen Osten um 220 Millionen steigen werde. Konsequenz daraus: "Wir bleiben reich, aber wir müssen viel ausgeben, um reich zu bleiben". (APA)

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