Aus einem Traum wurde Routine

2. September 2004, 14:36
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Wien - Rund 1,5 Million Menschen leben weltweit mit Spenderorganen, die ihnen das Überleben oder eine akzeptable Lebensqualität nach dem Versagen eines oder mehrerer Organe ermöglichen. In Österreich konnte bereits rund 13.000 Menschen durch die Transplantationsmedizin geholfen werden. Was der Medizin seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gelungen ist, stellt einen der größten Fortschritte in der Heilkunde dar.

Eine Chronologie, die schon einen Zeitraum von Jahrhunderten umfasst:

  • Die ersten Versuche von Gewebsersatz beim Menschen stammten aus dem 17. Jahrhundert, als man sich an Hauttransplantationen versuchte. Das Gewebe stammte zu dieser Zeit vorwiegend von Hunden, Hühnern oder Rindern. Im 18. und dem späten 19. Jahrhundert wurde zum Beispiel Schilddrüsengewebe transplantiert. Erfolge gab es keine, doch schließlich gelang es immerhin, Organe auch außerhalb des Körpers zumindest zeitweise am Leben zu erhalten. Das schuf im Endeffekt die Basis für den Umgang mit Spenderorganen.

  • Die Voraussetzung für die Weiterentwicklung waren die Fortschritte in der Gefäßchirurgie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die erste experimentelle Nierentransplantation wurde vom Wiener Chirurgen Emerich Ullmann (1861-1937) im Jahre 1902 bei einem Hund durchgeführt. Er verpflanzte die Niere in den Bereich des Nackens und führte den Harnleiter des Transplantates durch die Haut, um so die Harnproduktion überprüfen und dokumentieren zu können. Ullmann berichtete darüber in einer Sitzung der Gesellschaft der Ärzte in Wien am 7. März 1902. Das transplantierte Organ produzierte fünf Tage lang Urin.

  • Im selben Jahr präsentierte Ullmann eine Ziege mit einer Hundeniere. Auch dieses Organ produzierte Harn, hielt aber seine Funktion nur einen Tag. Der später in den USA arbeitende Franzose Alexis Carrel (1875 - 1944) transplantierte nicht nur Nieren, sondern auch Herzen und andere Organe. Für seine Pionierleistungen bekam er 1912 den Nobelpreis.

  • Weitere Meilensteine in der Entwicklung der Transplantationsmedizin: 1942 entdeckte der britische Zoologe Sir Peter Medawar, dass weiße Blutkörperchen (Lymphozyten) für die Abstoßungsreaktionen verantwortlich sind und 1952 Jean Dausset den Histokompatibilitätskomplex. Langsam begann man zu erkennen, dass eine Unterdrückung der Immunantwort auch eine Transplantatabstoßung verhindern könnte.

  • Nach mehreren Versuchen mit mehr oder weniger bescheidenen Erfolgen Anfang der 50er Jahre erfolgte 1954 schließlich die erste erfolgreiche Nierentransplantation. Spender und Empfänger waren eineiige Zwillinge. Der Empfänger lebte später ohne medikamentöse Therapie in völliger Gesundheit. Bei nicht derart verwandten Spender/Empfänger-Kombinationen hingegen war eine Unterdrückung der Abstoßungsreaktion notwendig.

  • Zunächst wurde versucht, die Abstoßungsreaktion durch Ganzkörperbestrahlung zu verhindern. Doch das war für die Patienten mit zu hohen Nebenwirkungen verbunden. Dann wurden hoch dosiertes Cortison und Azathioprin eingesetzt.

  • 1963 versuchte der US-Pionier Thomas Starzl erstmals eine Lebertransplantation bei einem Kind und 1966 wurde erstmals von Richard Lillehei in Minneapolis (USA) eine Bauchspeicheldrüse transplantiert.

  • International das größte Aufsehen aber machten die ersten Herzverpflanzungen. Es war der Südafrikaner Christian Nethling Barnard, der den ersten erfolgreichen Eingriff am 3. Dezember 1967 in Kapstadt durchführte. Das dem 54-jährigen Louis Washkansky implantierte Herz einer 24-jährigen Frau, die bei einem Verkehrsunfall getötet worden war, nahm nach der Reperfusion seine Funktion auf.

  • In die klinische Routine gelangten die Organtransplantationen aber erst mit verbesserten Möglichkeiten zur medikamentösen Kontrolle der Abstoßungsreaktion. Hier spielte die Substanz Cyclosporin A eine entscheidende Rolle. Erstmals am Menschen wurde sie 1978 eingesetzt, 1982 wurde sie zugelassen. Schon bis zum Jahr 1989 gab es 100.000 Nierentransplantationen. (APA)
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