Cobra-Chef: Situation ist ganz nahe beim "Worst-Case-Szenario"

3. September 2004, 12:30
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Intervention könnte, laut dem Chef der österreichischen Spezialeinheit, mit extrem hoher Opferzahl verbunden sein

Wien - Die Geiselnahme in Russland gehört wohl zu den schwierigsten Situationen für Einsatzkräfte überhaupt. Gut organisierte Täter, die offensichtlich bereit sind, für ihre Sache in den Tod zu gehen und eine hohe Anzahl Geiseln - die meisten davon Kinder - lassen den Verantwortlichen nur sehr wenig Spielraum. "Das ist schon sehr nahe am Worst-Case-Szenario", sagte der Chef der heimischen Spezialeinheit Cobra, Bernhard Treibenreif, am Donnerstag.

Lernen aus Moskau: "Es ist davon auszugehen, dass sie Gasmasken mithaben"

Sowohl die Auswahl des Zieles als auch das Vorgehen der Täter ließen darauf schließen, dass die Gruppe sehr gut organisiert ist und ihre Aktion genau geplant hat. Die Terroristen dürften auch Lehren aus der Geiselnahme im Moskauer Musical-Theater im Oktober 2002 gezogen haben, die letztlich mit dem Einsatz von Giftgas ein tödliches Ende gefunden hatte. "Es ist davon auszugehen, dass sie Gasmasken mithaben", meinte Treibenreif. Zudem dürften sie bereits einige Fenster eingeschlagen haben, um für eine bessere Durchlüftung des Gebäudes zu sorgen. Gegen einen Gaseinsatz spricht auch, dass die Kinder diesen kaum überleben würden.

"Man weiß ja nicht, wie viel Sprengstoff die Täter mit sich führen"

Falls die Behörden sich dazu entschließen sollten, das Gebäude zu stürmen, so ist Treibenreif zufolge mit einer hohen Opferzahl sowohl bei den Terroristen, den Geiseln als auch bei den Einsatzkräften zu rechnen. "Man weiß ja nicht, wie viel Sprengstoff die Täter mit sich führen", sagte der Cobra-Chef. Es bestehe die Möglichkeit, dass die Gruppe plant, möglichst viele Personen mit in den Tod zu nehmen, falls interveniert werden sollte.

Die Täter sind Treibenreif zufolge sehr gut organisiert. Sowohl die Wahl ihrer Gesprächspartner als auch ihr Vorgehen lasse darauf schließen, dass es sich nicht einfach um eine x-beliebige Kamikaze-Truppe handelt. Die rund 20 Personen würden einander bei ihren Aktionen abwechseln, wodurch sich immer ein Teil ausrasten kann, während der andere Teil die Arbeit übernimmt.

Mögliche Varianten für die Verhandler

Für die Einsatzkräfte stellen sich dem Cobra-Chef zufolge mehrere Varianten als möglich dar: Zum einen könnten die Verhandler auf die Forderungen eingehen. "Davon ist aber kaum auszugehen", sagte Treibenreif. Man könnte aber auch versuchen, durch kleine Zugeständnisse mehr Geiseln herauszuholen, um bei einer Intervention zumindest die Opferzahl zu minimieren. Weiters könne man den Tätern vorspielen, auf ihre Forderungen einzugehen, und versuchen, sie auszutricksen.

Wenn die Situation mit Gewalt gelöst wird, so müssen die Einsatzkräfte einen Weg finden, um mit einer Finte die Täter abzulenken. Aber selbst falls dies gelingt, bleibt eine Intervention extrem risikoreich. Es sei, so der Cobra-Chef, davon auszugehen, dass sich die Täter unter die Geiseln gemischt haben, und so nur sehr schwer schnell genug ausgemacht und ausgeschaltet werden könnten, um sie etwa vom Zünden von Sprengstoff abzuhalten. (APA)

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