Russland-Experte: "Das ist nicht El Kaida"

3. September 2004, 17:28
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Es sei kein internationaler Terrorismus am Werk, sondern Russland kämpfe mit selbst ausgelöster Gewalt des Tschetschenien-Konflikts

Berlin - Russland kämpft in Tschetschenien und im Nordkaukasus nach Ansicht eines deutschen Experten nicht mit dem internationalen islamischen Terrorismus, sondern mit selbst ausgelöster Gewalt. "Das sind Leute aus der Region, das ist nicht El Kaida", sagte Roland Götz, Leiter der Forschungsgruppe Russland der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), der Nachrichtenagentur dpa in Berlin zur Geiselnahme in Beslan.

"Das sind Leute, die gesehen haben, wie ihre Brüder und ihre Verwandten verschleppt wurden. Und die deswegen in den Untergrund gegangen sind und dort auch bleiben", sagte Götz. Allerdings wandele sich die Natur der Kämpfer: Ursprünglich habe es sich nur um Aufständische gehandelt, die aus der Bevölkerung gekommen seien. "Inzwischen sind dies schon Leute, für die Kämpfen und Terroranschläge Lebensinhalt geworden sind. Die allerdings entstehen aus Aktionen der russischen Armee." Der Terrorismus sei "inzwischen in den Konflikt eingesickert": "Es gibt tatsächlich muslimische Kämpfer in Tschetschenien. Das ist aber nicht der Kern des Problems."

Entgegen Putins Darstellungen, handele es sich um Widerstand gegen russische Armee

Götz sagte, es handele sich in Tschetschenien im Gegensatz zu dem Eindruck, den Russlands Präsident Wladimir Putin erwecken wolle, nicht um einen religiösen oder einen wirklich ethnischen Krieg: "Es gibt ja keine Feindschaft zwischen Tschetschenen und Russen. Wogegen man sich wendet, das ist die russische Armee." Der Tschetschenien-Konflikt sei "eindeutig ein Kolonialkrieg, ein Besatzungskrieg": "Russland führt seit 200 Jahren einen Kolonialkrieg in Tschetschenien. Solange die russische Armee jedes Jahr Tausende verschleppt, ist der Terrorismus vorgezeichnet."

Zur Besetzung der Schule in Nord-Ossetien sagte Götz: "Dies ist sicher nicht das Ende, sondern nur ein weiteres Stadium. Man kann sich noch Schlimmeres vorstellen. Da sind der Fantasie überhaupt keine Grenzen gesetzt." Er sehe kein militärisches Ende des Konflikts und halte auch eine politische Lösung für unwahrscheinlich, solange der bis 2008 gewählte Putin Präsident sei. (APA/dpa)

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