Die letzten Klangfragen

8. September 2004, 22:20
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Der Dirigent Sir Simon Rattle und seine Berliner Philharmoniker widmen sich in ihrer neuesten Einspielung Olivier Messiaen, dem Klangmystiker der Moderne

Große Symphonieorchester, jene alten, in der Spätromantik zur Riesengröße gewachsenen Schlachtschiffe, sind nur scheinbar jene Unantastbaren, die für alle Zeit auf den Meeren der Bewunderung dahingleiten können. Im Laufe der letzten Jahrzehnte ist ihre Autorität von mehreren Seiten angeknabbert worden. Originalklangensembles haben die alte Musik für sich erobert und das symphonische Klangbad als eine sinnverschleiernde ästhetische Schlamperei entlarvt. Spezialisierte Moderneensembles wie das Ensemble Modern wiederum scharen um sich zeitgenössische Klänge, die mit neuartigen Spielformen und unkonventionellen Notationsformen die auf Romantik und Klassik spezialisierten Klangkörper mit einem allzu großen Arbeitsaufwand zuschütten würden. Um nicht gänzlich altmodisch zu wirken, können sich renommierte Großorchester allerdings nicht mit dem Rückzug auf das verblieben Werkterrain abfinden, um ihre Autorität zu erhalten.

Mitunter scheint dies jedoch eine unlösbare Situation zu erzeugen. Die Wiener Philharmoniker etwa, in der Wiener Staatsoper heftig eingesetzt und auch konzert-und tourneemäßig nicht gerade untätig, haben jetzt schon eine Auftragslage, die Repertoireausweitung nur in diskreten Dosen möglich macht. Die Berliner Philharmoniker, als reines Konzertorchester, das nur zu Ostern in Salzburg opernmäßig glänzen will, hat es da etwas leichter. Zudem steht ihnen Sir Simon Rattle vor, ein penibler Musikmann, der von der Originalklangbewegung nicht unbeeinflusst ist, der aber zusätzlich ein offenes Ohr und eine gute Hand für die Moderne hat. Außerdem ist er exklusiv beim CD-Multi EMI unter Vertrag und kann es sich wohl erlauben, abseits von Bruckner, Mahler, Mozart und Beethoven auf das tonträgerliche Erscheinen von Repertoire des 20. Jahrhunderts zu pochen.

Nun denn: Mit der Veröffentlichung von Olivier Messiaens spätem Orchesterwerk Eclairs sur l'Au-Delà ... (EMI) hat man sich nun einer Zentralgestalt des 20. Jahrhunderts zugewandt. Boulez und Stockhausen waren ihre Schüler, Messiaens streng organisierte Klavieretüde Mode de valeurs et d'intensités wurde zum Mitinitiator der seriellen Musik. Als jahrzehntelanger Organist der Sainte-Trinité-Kirche in Paris hatte Messiaen aber auch zur Tradition eine praxisorientierte Beziehung - auch zur Religion natürlich. Schreiben war ihm ein Akt des Glaubens. Und die Vogelwelt mit ihrer Klangproduktion war ihm übrigens ein Objekt des Studiums und der Inspiration. All diese Facetten lassen sich in diesem Spätwerk, das erst nach dem Tod des Komponisten uraufgeführt wurde, nachhören.

Das ganze Stück dominiert eine monolithische Anlage. Bohrende Akkordklötze vermitteln in mehreren Abschnitten wuchtige Statik; wenn Bewegung entsteht, dann ist sie Produkt eines rhythmisch komplexen Stimmengewirrs. Mitunter darf es auch adagioartig zugehen, dann wird die Klangarbeit den Streichern überantwortet, denen Sir Simon Rattle eine schlanke, plastische Färbung abverlangt. Die Berliner Philharmoniker sind zu ihr befähigt, wie sie auch die mitunter aufwachende bombastische Archaik mit der nötigen geschmacklichen Bremsung umzusetzen verstehen. So entsteht in Summe der Eindruck einer wuchtigen orchestralen Meditation über die letzten Dinge, die an den "theologischen Regenbogen", denken lässt, für den Meister Messiaen seine Musik einst gehalten hat. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.9.2004)

Von Ljubisa Tosic
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    Sir Simon Rattle

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