Tragbarer Rock'n'Roll

20. September 2004, 10:35
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Das Label Gasoline-Records will nicht die Rockmusik retten, sondern das dazu gehörige T-Shirt

Ihr Herz hängt an der Rockmusik, am wilden Leben im Vier-Viertel-Takt. Mit ihrem Label Gasoline-Records aber wollen David Schärer und Maurus Zehnder nicht die Rockmusik retten, sondern das dazu gehörige T-Shirt


Der Standard: "Fake Bands, real Rock'n'Roll Attitude", steht auf der Webseite von Gasoline-Records. Braucht man für die Rockerpose keine Rockmusik mehr?

Maurus: Eigentlich wollten wir eine echte Band gründen. Aber wir sind leider ziemlich unmusikalisch, es hat nicht einmal für Punkrock gereicht. Die Musik müssen deshalb andere machen, wir kümmern uns ums Drumherum.

Der Standard: Ihr produziert Band-T-Shirts für fiktive Musikantengruppen. Wie ist die Idee zu eurem Musiklabel ohne Musik entstanden?

David: Auf einem Motörhead-Konzert haben wir uns den Merchandising-Stand mal genauer angeschaut und uns gedacht: Das können wir besser. Seit Anfang des Jahres ist unsere erste Kollektion auf dem Markt. Wir verkaufen nur ein paar Hundert Shirts pro Auflage - es soll ja keine Massenware sein, sondern rar und authentisch.

Maurus: Seit die Leute ihre Musik nur noch bei iTunes kaufen, verliert das Artwork der Bands an Bedeutung. Das LP-Cover gibt es schon lange nicht mehr, die CD verschwindet. Es bleibt das T-Shirt als letzte Oberfläche, als Plakat für die Band. Ich stehe auf markige Logos und Schriftzüge, von AC/DC oder Metallica. Diese Rock-Tradition wollen wir wiederbeleben.

David: Zynisch gesagt: Eine Band ist eine Marke, und sie hat ein Image, das sich aus Musik, Look und Attitüde zusammen setzt. Aus diesen Komponenten bauen auch wir unsere Bands zusammen - nur die Musik fehlt.

Der Standard: Was macht ein gutes Band-Shirt aus?

Maurus: Vor allem ein prägnantes und großes Logo. Den Schriftzug von AC/DC oder die Zunge der Stones erkennt man auch nach Jahrzehnten noch. Solche Motive wollen wir schaffen. Mit Knochen, Monstern und Totenköpfen. Wir sind da ziemlich traditionell, konservativ fast.

David: Das beste Band-Shirt aller Zeiten ist für mich immer noch das Motörhead-Shirt: schwarzer Stoff, große Buchstaben und ein weißer Totenkopf - bei jeder Tournee die gleichen Komponenten. Leider sind diese T-Shirts immer viel zu groß - XXL ohne Zwischengrößen. Wir bieten tragbaren Rock'n'Roll.

Der Standard: Darf man eigentlich das T-Shirt einer schlechten Band tragen? Weil es hübsch ist?

Maurus: Klar darf man das. Aber man verliert vielleicht ein paar Freunde.

Der Standard: Welche Band habt ihr als erstes designed? Oder besser: erfunden?

David: Unser Erstling war das "Hellfire Gunclub"-Hemd. So sollte eigentlich unsere Punkband heißen - der Inbegriff des harten Rock. Deshalb haben wir da auch alle Klischees auf einem Stück Stoff versammelt: markige Schrift, Totenkopf, Billardkugeln und gekreuzte Motorradkolben.

Der Standard: Mittlerweile habt ihr euer Programm unter anderem mit der Funkband "Boogie on Fire" und der Solorockerin "Nora and the Pink Dolphin" erweitert. Wie entwickelt ihr diese fiktiven Projekte?

David: Wir versuchen uns immer vorzustellen, wie eine Band mit diesem Namen klingen würde, was das eigentlich für Menschen wären.

Maurus: Für die Band "Great Guns" etwa haben wir ein Shirt für die fiktive "Hot Bullets for Frozen Hearts Tour 1991" entworfen. Durch Alaska, Grönland, Russland und die nördliche Mongolei. Im Winter. Die "Great Guns" sind eine norwegische Hardcore-Band, sie haben einen Elchschädel und zwei AK47 im Wappen. Es ist alles ziemlich düster.

Der Standard: Auf der Webseite sieht man einen Zeitungsausschnitt: "Kinky Pimps-Sänger Cindy Sparkle in Hamburg verhaftet." Woher kommen diese Geschichten?

David: Die speisen sich aus dem großen Legendenschatz des Rock. Hotelzimmer, Nightliner, Backstage-Bereich. Aber ich habe auch etwas aus meiner eigenen Erfahrung im Milieu einfließen lassen.

Der Standard: Von Mr. Sparkle kann man sogar Autogramme bestellen.

Maurus: Ja, das ist unsere Galionsfigur, der Prototyp eines Rockstars. Er ist ein komplexerer Charakter als die anderen Musiker. Man kann unser Rockuniversum ja beliebig ausbauen. Aber Gesichter und Fotos wollen wir nicht zeigen, die Phantasie braucht Raum.

Der Standard: "Gib mir ein T-Shirt mit Andreas Baader drauf / und einen Catwalk für den Tagtraumdauerlauf", singt die Gruppe Telekommander über die vielen T-Shirts mit denen man sich selbst bei C&A oder H&M ein Rebellen-Image überstreifen kann.

David: Klar. Da steht dann "Rockstar" vorne drauf, vielleicht klebt man auch noch eine Gitarre daneben. Aber das Che Guevara - Label bedeutet doch längst nichts mehr. Das ist keine Rebellion, sondern Massenware. Unsere T-Shirts sind zwar fiktiv, aber immerhin nicht tot und leer. Sie erzählen eine Geschichte. Und die sollen auch nicht alle gut finden.
Interview: Tobias Moorstedt
(DER STANDARD, rondo/03/09/2004)

Die Kollektion der beiden Zürcher David Schärer und Maurus Zehnder ist erhältlich unter gasoline-records.ch
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