Pressestimmen: "Auf verquere Terrorlogik einlassen"

3. September 2004, 12:30
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"Le Figaro": Putin braucht Unterstützung der Europäer - "NYT": Terrorismus kann nicht besiegt werden

Oslo/Paris/London/New York/ Helsinki/Bern/Den Haag - Zahlreiche europäische Tageszeitungen beschäftigen sich am Donnerstag mit der Geiselnahme in einer Schule in der südrussischen Republik Nord-Ossetien.

Le Figaro

"Die Geiselnahmen im Irak und im Kaukasus legen einen Vergleich nahe. Zwei Regionen, zwei Tragödien, aber ein gleichartiger Krieg ohne sichtbaren Feind. Die Protagonisten dieser Konflikte, George W. Bush und Wladimir Putin, sind Zweckverbündete gegen einen gleichen Feind, haben aber unterschiedliche Ziele. Ihr Leitsatz ist die Stärke. Für den amerikanischen Präsidenten gilt die Allmacht der USA, für den russischen Präsidenten die Position seines Landes als Großmacht. Europa sollte dies genauer beobachten, um eines Tages nichts bereuen zu müssen. Der russische Präsident braucht die Unterstützung der Europäer mehr als diese den Kreml-Herren brauchen".

"Times" (London):

"Die Krise in Tschetschenien hat zur Verunsicherung der ganzen Region geführt. Sie hat Russlands Image im Ausland geschadet, seine Kernkraftwerke in Ziele für Terroristen verwandelt und eine ganze Nation in Angst versetzt. Moskaus Unfähigkeit, das Problem einzudämmen, ist angesichts des Chaos der Nach-Sowjet-Ära nicht verwunderlich. Hier werden große Schwächen in der politischen und militärischen Kultur Russlands deutlich. Präsident Wladimir Putin hat sich bisher durch starke Worte und drakonische Taten ausgezeichnet, aber es ist ihm nicht gelungen, die Extremisten zu isolieren. Sein Ruf beruhte zu Anfang darauf, dass er in der Tschetschenien-Krise hart blieb. Es könnte sein, dass er jetzt ein Nachgeben als Schwäche und den Beginn seines eigenen Niedergangs interpretieren würde. Er sollte seinen Spielraum nutzen."

The New York Times

"Die schrecklichen Bilder von den Opfern in einem israelischen Bus und von ermordeten Flugzeug- und U-Bahnpassagieren, genauso wie die in Geiselhaft genommene Schule in Russland, erinnern die Amerikaner nachdrücklich daran, dass es beim Thema Terrorismus nicht nur um sie geht. Es ist die bevorzugte Taktik von von sich selbst besessenen radikalen Bewegungen unseres Zeitalters.

(US-)Präsident (George W.) Bush hatte völlig Recht, als er sagte, es sei unmöglich einen Krieg gegen den Terrorismus zu gewinnen - es sei so wie die Ankündigung, wir könnten einen Krieg gegen die Gewalt gewinnen. Terrorismus kann nur zurückgedrängt und kontrolliert werden, und das kann nur mit einer weltweiten Strategie getan werden, gemeinsam mit allen verantwortlichen und friedlichen Ländern. (...) Die Chancen für einen ernsthaften Dialog über den Terror erhielten jedoch einen Rückschlag, als Mr. Bush seine sehr vernünftige Äußerung über den Terrorismus zurücknahm, nachdem die Wahlkämpfer von (John) Kerry und (John) Edwards sie attackiert hatten."

Helsingin Sanomat

"Putin hat zum Unglück von ganz Russland in Tschetschenien dasselbe erreicht, was Israel schon in den Palästinensergebieten bewirkt hat und die USA zuletzt im Irak. Überall dort hat sich der extreme Islamismus in verhältnismäßig kurzer Zeit von einem seltenen Randphänomen der Gesellschaft zu einer Kraft mit den Eigenschaften eines Volksaufstands verändert. Die ganze so genannte zivilisierte westliche Welt muss nun den politischen Preis für diese eigennützige und schwer kurzsichtige Politik bezahlen."

de Volkskrant

"Das Fundament, auf das der russische Präsident seine Machtbasis gegründet hat, zeigt die ersten Risse. (...) Seine Popularität vor allem beim Volk lässt nach. Dies begann schon einige Zeit vor der neuen Serie von Anschlägen. Das Parlament hat vor einem Monat ein Paket radikaler Sozialreformen verabschiedet. Dadurch büßten Ältere, Invalide und Veteranen Vergünstigungen ein, auf die sie seit Sowjetzeiten Anspruch hatten. (...) Die Stabilität und Ruhe, der sich diese große Bevölkerungsgruppe in den letzten fünf Jahren so sehr erfreute, ist in Unsicherheit umgeschlagen. Auch Investoren und die Wirtschaft sind besorgt. (...) Der liberale Abgeordnete (Nikolai) Ryschkow verglich im vorigen Monat die Stabilität unter Putin mit der unter Sowjetführer Leonid Breschnew in den siebziger Jahren: 'Es herrscht eine Illusion von Stabilität, aber die Wirklichkeit ist äußerst unbeständig.'"

"Aftenposten" (Oslo):

"Irak, Russland oder Israel. Kinder, Erwachsene, Frauen oder Männer. Für Terroristen macht das keinen Unterschied. In ihren Augen sind alle Orte, alle Ziele und Mittel gleich legitim. Terroristen werden von einer eigenen verqueren Logik getrieben, die auf uns andere unverständlich wirkt. Trotzdem müssen wir uns auf sie einlassen, wenn es überhaupt eine Möglichkeit geben soll, den Terror zu stoppen oder ihm zu begegnen. Das haben uns die letzten Tage leider mit aller Deutlichkeit gezeigt. (...) Einige Terroristen arbeiten in einem mehr oder weniger engen Netzwerk zusammen, andere operieren auf eigene Faust oder in Organisationen ohne internationale Verbindungen." (APA/dpa)

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