Bush im Aufwind?

9. September 2004, 18:10
8 Postings

Die Entfremdung zwischen Europa und Amerika fokussiert nicht nur auf die Person des US-Präsidenten - Eine Kolumne von Paul Lendvai

Würde man sich an einer Umfrage in der politischen, wirtschaftlichen und erst recht in der intellektuellen Elite Europas orientieren, hieße der nächste Präsident der USA mit Sicherheit nicht mehr George W. Bush. Die Entfremdung zwischen Europa und Amerika fokussiert nicht nur auf die Person des US-Präsidenten, sondern auf die gesamte Politik seiner Administration, ist stärker als vielleicht je zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg.

Statt der Klammer der gemeinsamen Bedrohung durch den Kommunismus entstand als neuer Klebstoff die Abneigung gegen die Politik der "Bushisten". Deshalb waren wohl auch Putin, Schröder und Chirac beim "harmonischen Treffen" am Schwarzen Meer, wie man hört, in allen weltpolitischen Fragen der gleichen Meinung.

Der US-Bestsellerautor Jeremy Rifkin verkündet in seinem neuen Buch "Der europäische Traum" den Niedergang des "amerikanischen Traums" und sieht im Europa der 25 einen "Lichtstrahl in einer aufgewühlten Welt". Mit vielen Zahlen beweist der Leiter der "Foundation on Economic Trends" nicht nur die Wirtschaftskraft, sondern auch die größere Lebensqualität in der EU. In Bezug auf Einkommensgleichheit liegen die Vereinigten Staaten unter den Industrienationen an der 24. Stelle. Die Totschlagrate liegt viermal höher als in der EU. US- Anteil an der Weltbevölkerung: vier Prozent - an der Gesamtzahl der Gefangeneninsassen: 25 Prozent.

Vor 30 Jahren hätte noch jeder Amerikaner gesagt, er glaube an den amerikanischen Traum. Heute sagt ein Drittel von ihnen, sie hätten den Glauben daran verloren. Zugleich gibt aber Amerika nur für die Erforschung und Entwicklung neuer Waffentechnologien fünfmal so viel aus wie die Staaten Europas. Ihr Rüstungsaufwand beträgt täglich mehr als das jährliche Budget der Vereinten Nationen. Während Hass und Neid gegenüber Amerika vor allem im Nahen Osten und in der Welt des Islam grassieren, wurde der Aufwand für öffentliche Diplomatie und weltweite Information, also für die viel zitierte kulturelle und gesellschaftliche "Soft Power", zwischen 1989 und 1999 um zehn Prozent gekürzt. Deshalb gibt die immer noch hohe Zustimmung für Bush bei den Umfragen für viele Europäer Rätsel auf.

Wenn man aber solche Stimmungskanonen wie Arnold Schwarzenegger und Senator John McCain, vor vier Jahren der gefährlichste Rivale von Bush, im O-Ton hört und die Berichte über die mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerkes operierende Bush-Mannschaft liest, erscheint es nicht mehr so abwegig, dass Bush von so vielen Amerikanern als "starker Führer" und der Herausforderer Senator John F. Kerry als "verwirrter Wendehals" betrachtet werden.

Angesichts der Unberechenbarkeit der Situation im Irak und der unverminderten Fähigkeit der Terroristen, tödliche Attacken überall in der Welt und nicht zuletzt auf Amerika vorzubereiten, ist die Frage, ob George W. Bush zum zweiten Mal zum Präsidenten gewählt wird, freilich viel zu früh gestellt.

Trotz der starken Unterstützung durch die Fundamentalisten aller christlichen Konfessionen geht es auch Bush nun darum, die gemäßigten und von der extremistischen Rhetorik im Kampf gegen den Terror leicht verschreckten Wähler in der Mitte zu gewinnen. Deshalb waren die Aufrufe des früheren New Yorker Bürgermeisters Giuliani, des Senators McCain und nicht zuletzt Arnold Schwarzeneggers, also von Leitfiguren, denen selbst viele Demokraten große Sympathie entgegenbringen, für Bush so wichtig und nützlich.

Es ist also auch viel zu früh, sich von den Verkaufsziffern der Michael-Moore-Bücher und den Zuschauerzahlen seiner Filme blenden zu lassen. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.9.2004)

Share if you care.