Lehrerausbildung a la SPÖ: Vorwärts in den Neoliberalismus?

9. September 2004, 18:10
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Wie sich die Sozialdemokratie bildungspolitisch dreht - und wendet - Ein Kommentar der anderen von Daniel Winkler

Am Wochenende berichtete DER STANDARD unter dem Titel "Gehrer: Bachelor für Pädak-Akademien" über die ab 2007 geplante Einrichtung von pädagogischen Hochschulen für die Ausbildung zum Pflichtschullehrer. Der Ministerin zufolge sollen acht bis neun solcher Institutionen die derzeit etwa 50 ausbildenden Einrichtungen ersetzen. In einer kurzen Passage wird in dem Bericht auch auf den Vorschlag der SPÖ eingegangen, dem zufolge in diese Hochschulen die gesamte Lehrer/innenausbildung integriert werden soll. Diese von SP-Sprecher Erwin Niederwieser lancierte bildungspolitische Offensive verdient meiner Ansicht einen ausführlicheren Kommentar, ist sie doch Bestandteil des SPÖ- Programms, das im November beschlossen werden soll und eine neoliberale Wende der sozialdemokratischen Bildungspolitik signalisiert.

Laut Niederwieser sollen in diesen Hochschulen dreigliedrige Studiengänge angeboten werden, die entsprechend der Normen des Bologna-Prozesses mit Bakkalaureat (für Volks-, Haupt- und polytechnische Schulen sowie die AHS-Unterstufe), Master (für Schulleiter/innen, Integrationspädagogik, Erwachsenenbildung, AHS-Oberstufe und berufsbildende höhere Schulen) und Doktorat (für den Forschungsbereich) abschließen. Ein Scherz, mag sich da so der eine oder die andere fragen? Nein, auch Niederwieser hat die bildungspolitische Vermarktbarkeit eines Arguments gefunden, das einfach alles schlägt: Europa!

Die Ausbildung soll auch hierzulande endlich so organisiert sein, "wie das in Europa üblich ist". Nur welches Europa meint er damit? In guter sozialdemokratischer Tradition verweist er auf den Norden Europas, genauer Finnland. Das von ihm entlehnte Modell klingt jedoch nicht sonderlich sozialdemokratisch: Niederwiesers Vorbild bietet nach seinen eigenen Aussagen nur zehn Prozent der Bewerber/innen einen Ausbildungsplatz; neben einer Eingangsprüfung ist eine weitere Selektionsphase nach einigen Semestern vorgesehen. Zwar spricht Niederwieser noch nicht von (erhöhten) Studiengebühren, die Zulassungsbeschränkungen und die mit hohen Kosten verbundene Einrichtung der Hochschulen sprechen aber Bände.

Volksbildung ade!

Der SP-Protest gegen die bildungspolitischen Reformen der Regierung ist offenbar Schnee von gestern. Doch der Vorschlag scheint nicht nur im sozial(demokratisch)en Kontext als reichlich abstrus. Er ist ein Schlag ins Gesicht der Universitätslehrenden, die bis heute die Ausbildung der Lehrer/innen garantieren: Mit der langfristig angestrebten vollständigen Abkoppelung der Lehrerausbildung von den Universitäten wird die Ausbildung von neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen abgeschnitten, gesellschaftskritisches Denken ist in Zeiten wie diesen anscheinend auch in der Sozialdemokratie unmodern geworden. Volksbildung ade! Das dreigliedrige Modell Niederwiesers spielt die Hochschulen zudem gegen die Universitäten aus; in den Unterrichtsfächern soll künftig auch die Hochschule Ort des Masters und des Doktorats sein. Soll die Universität so auf Bereiche reduziert werden, die in Schulen nicht vermittelbar bzw. vermittlungswürdig sind? Die Alma Mater als "Getto" der Grundlagenforschung?

Positives kann man dem Vorschlag wohl nur in einem Punkt abgewinnen: Die Forderung, solche Hochschulen parallel zu den Unis in allen Bundesländern einzurichten, verteuert das Projekt derart, dass es wohl selbst unter einem Bildungsminister Niederwieser kaum realisierbar sein dürfte. Von der größten Oppositionspartei wäre allerdings zu erwarten, dass sie sich mehr mit der realen Qualitätssicherung der Lehrerausbildung als mit neoliberalen Scheinreformen auseinander setzt. Wenn das Geld, das zur Schaffung solcher pädagogischen Hochschulen notwendig wäre, in die ausbildenden Universitätsinstitute fließen würde, wäre der Universität wie den Schulen geholfen und Didaktik-Lehrveranstaltungen oder Sprachübungen mit 80 Studierenden und mehr würden der Vergangenheit angehören. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.9.2004)

Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Romanistik der Uni Wien
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