Kanada hängt sich an Noahs Arche

8. September 2004, 12:43
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Bersten eines kanadischen Gletschersees vor 8.400 Jahren könnte Sintflut ausgelöst haben

Man stelle sich folgende Katastrophe vor: Vor 8400 Jahren bersten in Kanada die Eisdämme eines gigantischen Gletschersees, riesige Wassermassen ergießen sich in den Atlantik. Sie lassen den Meeresspiegel auch an weit entfernten Orten ansteigen, menschliche Siedlungen werden überflutet - besonders in der Gegend des Persischen Golfes. Dieses dramatische Ereignis prägt sich für immer in das Gedächtnis der dort lebenden Menschen ein: die Sintflut!

Dieses Szenario halten jedenfalls führende kanadische Wissenschafter für gut möglich. Geologe Jim Teller von der Uni Manitoba und sein Team haben die Geschichte des Agassizsees untersucht. Dieses riesige Süßwasserbecken erstreckte sich damals über eine Fläche von einer Million Quadratkilometern, entstand, als sich am Ende der letzten Eiszeit der schmelzende Laurentidegletscher nach Norden zurückzog, und enthielt ein Drittel mehr Wasser als alle heutigen Seen der Erde zusammen. Im Lauf der Geschichte barsten seine Eisdämme immer wieder, riesige Wassermassen stürzten in den Atlantik, zerstörten Meeresströmungen, lösten globale Klimawechsel aus.

Aber es war der letzte "katastrophale Ausbruch" des Gletschersees, dessen Folgen die biblische Geschichte von der Arche Noah vielleicht beschreibt. "Und die Wasser nahmen immer mehr zu; alle hohen Berge unter dem ganzen Himmel wurden bedeckt", heißt es im Buch Genesis 7,19. Nur Noah und die mit ihm in der Arche waren hätten überlebt. Auch das Gilgameschepos, das seinen Ursprung im Reich der Sumerer in Mesopotamien hat, berichtet darüber. Es erzählt von Utnaptischtim, der wie Noah eine Arche baute und mit je einem Paar Tiere die Sintflut überlebte. Tontafeln mit dem Epos wurden im 19. Jahrhundert in der antiken Stadt Ninive im heutigen Irak gefunden, der an den Persischen Golf grenzt.

"Der Persische Golf war während der letzten Eiszeit trocken", erklärt Jim Teller. Diese Ebene dürften nahöstliche Volksstämme vor zehntausend Jahren besiedelt haben. Geschmolzenes Gletscherwasser, sagt Teller, habe den Meeresspiegel im Laufe der Zeit zunächst stufenweise angehoben. Aber das plötzliche Brechen der Eisdämme des Agassizsees um rund 6400 vor Christus habe die Golfebene rasch mit Ozeanwasser überflutet. Beim letzten Ausfluss des Sees hätten sich in weniger als einem Jahr mehrere Hunderttausend Kubikkilometer Wasser in die Hudson Bay im Norden Kanadas und dann in den Nordatlantik ergossen, und nirgends hätte man die Folgen dieses Ereignisses stärker gespürt als in der Region des Persischen Golfes, vermutet Teller. Das Wasser hätte sich dort so schnell ausgedehnt, wie wenn man ein volles Glas auf einem Tisch ausleerte - die Sintflut.(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 9. 2004)

Von Bernadette Calonego aus Vancouver
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    Der eiszeitliche Agassiz-See und seine (imaginäre) Lage im heutigen Kanada

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