Die blinde Welt

9. September 2004, 18:10
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George Bush hat Recht, der Krieg gegen den Terror ist nicht zu gewinnen - Von Gudrun Harrer

Der gestrige Mittwoch war einer dieser immer häufiger werdenden Tage, an denen man am Geschäft der Außenpolitikberichterstattung zu verzweifeln droht: Selbstmordattentate, Bombenanschläge, Geiselnahmen, Geiselermordungen. Dazu ein amerikanischer Wahlkampf, der durch die Terrorfrage entschieden werden wird. Berichte, die nicht mit Terrorismus zu tun haben, wirken an manchen Tagen bereits wie erratische Einsprengsel auf den internationalen Seiten.

Das ist nicht nur deshalb so ungut, weil es auch sonst genug Wichtiges und Interessantes aus der außenpolitischen Welt zu schreiben gäbe. Die Publizität ist ein wichtiger Teil des Terrorismus, und wenn Medien berichten, tun sie nicht nur ihre Arbeit, sondern betreiben gewissermaßen auch das Geschäft der Terroristen. Ein Teil von deren Projekt ist es, die Polarisierung in den Gesellschaften zu betreiben, und auch das funktioniert mithilfe der Berichterstattung bestens - jüngstes trauriges Beispiel der Angriff eines Mobs auf die Moschee in Kathmandu, nachdem die Ermordung von zwölf Nepalesen durch islamische Extremisten im Irak bekannt wurde.

Aber nicht über Terrorismus zu berichten wäre politisch natürlich noch viel bedenklicher. Und es hieße auch, den Opfern die Stimme zu nehmen. Denn eines ist klar: Auch wenn wir die Berichterstattung über die Gewalt etwa im Irak einstellen würden, gingen dort die Angriffe auf die US-Armee, die irakische Regierung und die mit ihnen zusammenarbeitende Zivilgesellschaft weiter.

Und in Russland ist die Berichterstattung auch eine gewisse Kontrollinstanz für eine sonst allzu schnell entfesselte Staatsmacht. Obwohl: Den beim Angriff der Sicherheitskräfte vergifteten Opfern im Nordost-Theater in Moskau im Herbst vor zwei Jahren hat diese Instanz auch nichts genützt. Hoffentlich ist das bei den von Geiselnehmern festgehaltenen Dutzenden Kindern und Erwachsenen in Nordossetien diesmal anders.

Was man tut, wie man es tut, die Situation scheint aussichtslos, wie eine bleierne Decke senkt sich das Gefühl der Ausgeliefertheit über die Welt. Der Terrorismus wird auf Jahre hinaus unser Leben beherrschen, erstens, weil er real existiert, zweitens, weil er von der anderen Seite irreal überhöht wird, quasi transzendiert, um damit ganz stinknormale Machtpolitik zu machen. Man sollte nicht so obszön sein zu behaupten, dass für manche Herrschaften der Terrorismus ein Geschenk des Himmels ist - aber man darf das zumindest von der Terrorismusgefahr getrost sagen. Sie ist eine Zwangsjacke, die, wenn nötig, man dem neurotisierten Publikum jederzeit anlegen kann.

Wie luzid oder wie wahnsinnig indes die Täter sind, wenn sie europäische gesellschaftspolitische Entscheidungen wie das Kopfbedeckungsverbot in Schulen - das ja nicht nur Musliminnen betrifft - durch eine Geiselnahme im Irak entscheiden wollen, ist schwer zu beurteilen.

Aber es gibt ja auch eine Luzidität im Wahnsinn. Ermutigend ist, dass diesmal niemand den islamischen Gemeinden stillschweigende Sympathien unterstellen kann: Die Stellungnahmen waren eindeutig, Politik hat mit politischen Mitteln betrieben zu werden. Ob parallel zur wachsenden Paranoia ein - in den europäischen Ländern mit muslimischen Minderheiten so nötiger - Diskurs über Gesellschaftspolitik entstehen kann?

Und zuletzt: US-Präsident George Bush hat seinen "Versprecher" von Montag wieder zurückgenommen, nach dem der Krieg gegen den Terror nicht wirklich zu gewinnen sei. Juan Cole von der Universität Michigan schreibt dazu: "Terror ist eine Taktik, und man kann einer Taktik nicht den Krieg erklären, geschweige denn diesen Krieg gewinnen." Was Bush geritten hat, diese Wahrheit dem US- Wahlvolk einen Augenblick lang zuzumuten? Denn nur die Aussicht auf Sieg in diesem "Krieg gegen den Terror" erfüllt diesen mit Sinn. Und Cole zitiert auch Gandhi: "Aug um Aug macht am Ende die ganze Welt blind." (DER STANDARD, Printausgabe, 2.9.2004)

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