Pomp - auf Pump

7. September 2004, 11:40
posten

Kommentar zum Ronacher-Umbau

Es gehört zu den Denkwürdigkeiten weltoffener Wiener Kulturplanung, Theatergebäude neuerdings wie Schatullen schnitzen zu lassen - und sich mindestens im Nachhinein zu überlegen, welche Kleinodien man in den kommunalen Architekturerzeugnissen dann auch aufbewahren möchte. Die Ausarbeitung von Intarsien scheint nötig, um aus dem Wiener Ronacher jenen funktionstüchtigen Renommiertempel zu machen, den Intendantin Kathrin Zechner als Muse der Vereinigten Bühnen zu bespielen ab 2007 die Ehre hat.

Niemand weiß, welche Ergebnisse die angekündigte Neuerfindung des Musiktheaters aus dem Geist der britischen "Music Hall" im Ronacher überhaupt zeitigen soll. Mit hysterischer Fröhlichkeit wird vorderhand der Geist plebejischer Belustigung reklamiert, um den Mangel an Vision in der Führungsetage der Kulturverwaltung zu bemänteln. Schon heute preist man den Zauber der "Umwegrentabilität": Der Kulturtourismus aus einem imaginären Europa der möglichst anspruchslosen Laiengenießer soll herausreißen, was eine zentraleuropäisch bloß mittelmäßig postierte "Weltstadt" an Deutungsangeboten ihrem erwünschten Millionenpublikum zu verabreichen verabsäumt.

Millionen werden ankündigungsweise locker gemacht - auf Pump. Die notorisch ausgebeutete freie Szene bekommt vorderhand die Segnungen eines von oben verhängten Konkurrenzkampfes zu spüren. Der (geistige) Verdrängungswettbewerb erhält somit unerwünschte Konturen - und gewinnt nolens volens an Methode.

In früheren Gründerzeiten belieh eine aufstrebende Bourgeoisie ihre eigenen Gewinnmargen, um sich zur kulturellen Selbstverständigung ein Haus - etwa das Wiener Volkstheater - zu leisten. Heute stützt man "Publikumslieblinge": Zahlt volkstümlichen Sängerschauspielern lieber ihre mobilen Theaterverwahrlosungsanstalten und stützt das Vertriebssystem überkommener Kleinkunst mit Spenden kommunaler Dienstleistungsfirmen. Darstellende Kultur in Wien erscheint unter solchen nur mehr beschämenden Bedingungen als das letzte Rückzugsgebiet einer zusehends sinnentleerten Amüsierplanwirtschaft.

Zählt man die Unbedarftheit hinzu, mit der aus Krisenbaustellen wie dem Josefstadt-Theater Provisorien geschaffen werden, mag es einen vor Saisonbeginn frösteln. Die Wüste bebt! (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.9.2004)

Von Ronald Pohl
Share if you care.