Orchesterton der Dringlichkeit

1. September 2004, 18:27
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Die Berliner Philharmoniker in Salzburg

Salzburg - Sir Simon, das wäre einer gewesen für Salzburg! Umgänglich, aber durchsetzungsfähig auch auf dem Berliner Sparparkett. Von den Wiener Philharmonikern sehr geschätzt, von den Berlinern zum Chef auserkoren. Gut genug, um andere Beste neben sich zu ertragen und ästhetisch am Puls der Zeit. Inklusive Originalklangstrenge. Zudem ein Brite mit guter Moderne-Orientierung und nun, mit Freundin und Sängerin Madalena Kozena, auch Gesprächsstofflieferant.

Sir Simon Rattle hat nur einen Nachteil. Er hat die Salzburger Festspiele als Ort der Profilierung nicht nötig. Es reicht ihm - wie jetzt - für Konzerte zu kommen, um den erschöpften Festspielen Glamour zu verleihen und en passant im Sacher seiner Firma (EMI) dafür zu danken, dass er ein Werk von Olivier Messiaen einspielen konnte. Auf die 100.000 Stück, die Rattles 5. Mahler schaffte, wird Éclairs sur l'Au-Delà (1992) wohl nicht kommen.

Im großen Festspielhaus steht man vor einem Klangmonolith, einer finalen Auseinandersetzung mit den letzten Dingen. Zwischendurch Leben: Die komplex angelegte Vogelstimmenansammlung ist in guten Berliner Händen, wuchtige Entladungen kommen in kontrollierter Kultiviertheit daher.

Hier können die Streicher der Berliner auch zeigen, welche Intensität sie in Einzelnoten zu legen verstehen und zu welcher Dringlichkeit sich ihr kollektiver Sound aufschwingen kann. Es war der analytische Abend von Rattle, weshalb Debussys La Mer etwas litt: Durchsichtigkeit der Struktur auf der einen Seite, eine gewisse Blässe der Farben auf der anderen. Etwas fad. Nun können die Berliner auch ganz anders, wenn's der Chef will. Schönbergs Variationen für Orchester (op. 31), diese orchestrale Geburt der Zwölftonmusik, wurde am zweiten Abend mit vibratoreicher Poesie ausgestattet, inklusive struktureller Strenge.

Und dann ein "romantischer" Beethoven: Seine 9. Symphonie, im ersten und dritten Satz tempomäßig langsam, bezirzte durch Verletzlichkeit im Detail, irritierte aber durch etwas zu viel verschleiernde Opulenz im Tuttibereich. Rattle lässt sich jedoch auf ein Beschleunigen-Verlangsamen-Abenteuer ein, holt fast trauermarschmäßige Facetten heraus und bewirkt Wunder des Leisen. Etwas extremer hätte man das Finale erwartet. Und mehr Sicherheit bei den Solisten (Christiane Oelze, Birgit Remmert, Jonas Kaufmann und John Relyea). Dennoch sehr markant. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.9.2004)

Von Ljubisa Tosic
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