"Es fehlt eine Kultur des Alterns"

1. September 2004, 18:52
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Das Thema "Alter" wird "in einer naiven Form mit Illusionen ausgekleidet, so Sozialforscher Rosenmayr im STANDARD-Interview

STANDARD: Wird Altwerden oft zu sehr als Last empfunden?

Leopold Rosenmayr: Natürlich leben wir in einer Gesellschaft mit einem juvenilen Wahn. Der Wunsch, alt zu werden, ist trotzdem enorm da. Das Alter ist ein Hoffnungsgebiet der Menschen. In den letzten zwei Jahrhunderten hat sich die Lebenserwartung verdoppelt. Jene von Frauen steigt seit 150 Jahren um jährlich fast drei Monate. Ein Plafond ist nicht in Sicht. Um das Leben wertvoll zu machen, bedarf es nun neuer Ansätze. Es fehlt eine Kultur des Alterns.

STANDARD: Was läuft falsch?

Rosenmayr: Es herrscht noch die alte Vorstellung vom "Ruhestand genießen". Ein Leben ohne Herausforderung ist aber ein belastetes Leben. Auch die Vorsorge gehört verbessert. Studien zeigen, dass ältere Menschen, die selbstbestimmt leben und Ziele haben, gesünder sind.

STANDARD: Es wird also zu wenig für das Alter vorgebaut?

Rosenmayr:Im Grunde genommen strotzen wir vor Verachtung der Hilfsbedürftigkeit, weil wir selbst Angst haben, in eine derartige Situation zu kommen. Das Thema "Alter" wird verdrängt, oder es wird in einer wahnsinnig naiven Form mit Illusionen ausgekleidet - dass sich alles ändert, besser wird. Das spielt den Anti-Aging-Gurus in die Hände. Man muss sich schon im frühen Stadium des Lebens bewusst werden, wie wichtig etwa Sport ist. Die Übergewichtigkeit ist ein anderer gefährlicher Faktor.

STANDARD: Es gibt immer mehr Senioren. Wie kann man deren Betreuung weiterhin sichern?

Rosenmayr: Die wechselseitige Hilfe zwischen den Älteren und den Ältesten ist ein Hoffnungsgebiet. Derzeit werden noch 80 Prozent aller pflegebedürftigen Betagten in der Familie oder von familiären Kräften betreut. Hier entsteht aber ein Engpass, weil Frauen sich immer stärker in der Berufswelt engagieren - engagieren müssen. Mischformen zwischen Staat und Bürgergesellschaft sind da sehr gefragt.

STANDARD: Familiäre Altenpflege bleibt allein den Frauen überlassen?

Rosenmayr: Ja - im Unterschied vielleicht zur Kinderbetreuung. Männer schieben sozusagen lieber den Kinderwagen, als dass sie die Schwiegermutter pflegen.

(DER STANDARD, Printausgabe, 2.9.2004)

Mit Leopold Rosenmayr sprach Peter Mayr.
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    Zur Person

    Leopold Rosenmayr, Jahrgang 1925, ist Professor für Soziologie an der Uni Wien und Mitglied der Akademie der Wissenschaften. 2003 erschien das gemeinsam mit dem Arzt Prof. Franz Böhmer herausgegebene Buch "Hoffnung Alter" (Wiener Universitätsverlag)

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