Geborgen im Schoß der Familie

1. September 2004, 18:40
1 Posting

85 Prozent der jungen Menschen leben mit beiden leiblichen Eltern unter einem Dach

Seit vier Generationen lebt die Mostviertler Bauernfamilie D. auf dem Hügel unterhalb der Ortschaft Sankt Georgen an der Klaus im Bezirk Waidhofen/Ybbs. Von weitem leuchten die weißen Fassaden des Vierkanthofes mit den barocken Fensterornamenten in der Nachmittagssonne.

Mittlerweile führt Ludwig D., der Vierte dieses Namens, das Regiment auf dem Hof, der - zu klein, um in der EU rentabel zu sein - freilich längst keine Bauernwirtschaft mehr ist. Gemeinsam mit Gattin Petra, die als Verkäuferin arbeitet, hat sich der Bankangestellte eine gemütliche Wohnung im Oberstock seines Elternhauses eingerichtet. Dort leben auch die Töchter Sigrid (19) und Kathi (18).

Kleiner Bruch der Familientradition

Altbauer Ludwig D. (80), der Dritte, und Gattin Maria, genannt Mitzi (73), wohnen im Parterre. Dort ist auch der eigentliche Mittelpunkt des Hauses, die Wohnstube, die Generationen fast unverändert überdauert hat. Dort treffen sich Familie, Freunde, Nachbarn. Internet gibts auch, aber nur im Oberstock.

Sigrid trägt einen weiten Rock, das kesse Top verrutscht nach oben und gibt den nackten gewölbten Bauch preis. Sie ist stolz auf ihre Schwangerschaft. In acht Wochen soll das Kind kommen. Sigrids Freund Chris, selbst erst knappe 23, streichelt zärtlich über ihren Bauch. Marcel soll der Kleine heißen. Diesmal nicht Ludwig V., kleiner Bruch der Familientradition. Die Jungfamilie wird natürlich im Haus wohnen, bis sie auf eigenen Füßen stehen kann.

Immer schon haben hier mehrere Generationen unter einem Dach gelebt. "Ein bissl ein Schock war's schon am Anfang", seufzt Sigrids Vater und meint nicht das Kind, sondern die Tatsache, dass er bereits mit 44 Großvater wird. Ans "Wegmachen" hat hier niemand auch nur eine einzige Sekunde gedacht. Auch wenn Sigrid erst später ihren Gesellenbrief machen wird.

Konfession

Natürlich ist man katholisch. Aber von jener barocken Frömmigkeit, die weit über jede Konfession hinausreicht. Der Herrgott wird die Sünde der vorehelichen Geburt schon verzeihen. "Was wäre ein größeres Lob seiner Herrlichkeit, als ein neues Menschlein?", meinen die Alten.

"Wir sind halt einfach Familienmenschen", sagt Petra, mit 40 ebenfalls eine ungewöhnlich jugendliche Großmutter. Und auch für die künftigen Urgroßeltern ist das ganz normal: "Früher haben die Bauern im Mostviertel bis zu 16 Kinder gehabt und aus allen ist etwas geworden. Es geht schon, aber man muss halt auf einiges verzichten." Aber das Gefühl in einer großen Familie geborgen zu sein, wiegt eben mehr als moderne "Werte" wie Selbstverwirklichung, Karriere, Lifestyle.

Goldene Hochzeit

Und so sind sie alle da, etwa wenn die Goldene Hochzeit des Altbauernpaares ansteht und die weit verzweigte Familie samt Freunden und Nachbarn zum Festschmaus eingeladen werden. Oder wenn die Ururgroßmutter im Sterbebett liegt. Dieses steht nicht im Altersheim, sie darf daheim in den Armen ihrer Enkeltochter hinüberschlafen. Das Kinderzimmer für den kleinen Marcel in spe ist schon fast fertig.

Gerade rechtzeitig ist das Pflegekind Martina ausgezogen, Sigrids beste Freundin. "Eins mehr oder weniger, darauf kommts nicht mehr an", war sich die Großfamilie D. gleich einig, als die damals 14-jährige Martina ihrer alkoholkranken Mutter davonlief und ins Landesjugendheim eingewiesen werden sollte. Ludwig IV. ältere Schwester, zufällig Leiterin des Waidhofener Jugendamtes, half mit und so fand alles sein gutes Ende. "Beim Einzug hat die Martina gebeten, darf ich Mama und Papa zu euch sagen", erinnert sich Petra.

Himmel der Basilika

Am letzten Sonntag im August geht das Altbauernpaar zur alljährlichen Familienwallfahrt auf den nahe gelegenen Sonntagberg, hinein in den barocken Himmel der Basilika, die der Heiligen Dreifaltigkeit geweiht ist. Der Benediktinerpater aus dem Stift Seitenstätten predigt von den Tugenden der Demut, Bescheidenheit und der "Gnade des letzten Platzes" an der Festtafel des Pharisäers.

Ludwig III. und seine Mitzi wissen aber eh um die Mühseligkeiten des Alltags - und die barocke Leichtigkeit des Seins einer Großfamilie. (Elisabeth Steiner/DER STANDARD, Printausgabe, 2.9.2004)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ein Familiennachmittag im Sommer.

Share if you care.