"Genauso war es" – damals in Vindobona

7. September 2004, 15:03
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Das historische Römerlager Vindobona wurde für eine Computeranimation erstmals umfassend dreidimensional rekonstruiert

Wien – "In diesem Umfang ist im Bereich des Nordlimes noch nie ein römisches Lager rekonstruiert worden", betont Michael Klein von "digital- graphics 7reasons". Und die Wiener Stadtarchäologin Karin Fischer Ausserer weiß: "Der Phantasie bleibt kaum etwas überlassen. Genauso war es. Und so kann der Römer in Wien wieder zum greifbaren Menschen werden."

Es ist die erste umfassende dreidimensionale Rekonstruktion des Römerlagers Vindobona, die da in den letzten Jahren mit Unmengen an historischem und geologischen Material – kombiniert mit hohem technischen Aufwand erstellt wurde. Jetzt sind sie fertig, die virtuellen Flüge über das Römerlager bis hin zu den kleinsten Details von Häusern, Geräten, Geschäften und Legionärsunterkünften.

Vor allem aber wird mit einem Mal deutlich, wie sehr die römische Geschichte immer noch in der Stadt lebt und ihr Aussehen bestimmt. "Viele Straßenzüge kann man erst richtig verstehen, wenn man sieht, worauf sie aufbauen", ist Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny begeistert.

Die Limesstraße

So folgt etwa die heutige Herrengasse immer noch exakt dem alten Lauf der Limesstraße, die von Klosterneuburg über die Währinger Straße vor die Tore Vindobonas führte und dann weiter über die römische Zivilstadt (am Rennweg) nach Carnuntum.

Der Michaelerplatz war damals schon die Kreuzung mit jener Straße, die vom Südtor des Lagers – im Bereich Graben – nach Baden (Aquae) führte, das damals schon als Kurort geschätzt wurde.

Wie die Gebäude der Lagervorstadt (canabae legionis) an dieser Kreuzung im ersten bis dritten Jahrhundert nach Christi aussahen, ist jetzt dank Computerhilfe wieder darstellbar. Seien es römische Wohnhäuser, Schmieden, Werkstätten, Geschäfte.

Auch der Graben heißt nicht zufällig so – sondern verläuft noch entlang des ehemaligen Schutzwalles. Wie auch die Naglergasse der Lagermauer folgt; somit ist auch der Abhang in den Haarhof hinein historisch gewachsen, erläutert Fischer Ausserer.

Unterkünfte der Legion

Eine der wichtigsten Ausgrabungen der letzten Jahre, die mithalf, das Bild der Legionsstadt zu schärfen, war jene am Judenplatz. Hier konnten erstmals nach neuesten wissenschaftlichen Methoden Reste der Mannschaftsunterkünfte untersucht werden.

Gebäude, die mit dem großzügigen Haus des Centurios begannen und sich dann mit einem lang gestreckten Bau für die jeweils rund 100 Soldaten fortsetzte. Bis zu 6000 Mann waren so stationiert – während draußen im Vorlager etwa 20.000 Menschen wohnten. Von Angehörigen bis hin zu Händlern und anderen Dienstleistern.

Natürliche Begrenzung

Ein weiterer, von der Geschichte in die Stadt geprägter Straßenzug ist der Tiefe Graben – durch den seinerzeit der Ottakringer Bach als natürliche Begrenzung des Lagers führte. Oben, im Bereich der Wipplinger Straße, war das Westtor, eine bis zu 20 Meter hohe Turmanlage.

An diesem Punkt konnte Fischer Ausserer die aktuellsten Erkenntnisse ihrer Forschungsarbeit in die Darstellungen einfließen lassen: Offenbar sind im dritten Jahrhundert nach Christi hier und im Bereich der Fischer Stiege große Teile des Lagers durch ein Hochwasser zerstört worden. Danach wurde die Mannschaftsstärke des Lagers reduziert und wurden die Gebäude zum Teil auch zivil genutzt.

Die CD mit den 3D-Animationen erscheint Ende September und wird über das Internet, im Wien Museum und in Raiffeisen-Filialen um 25 Euro erhältlich sein. (Roman David-Freihsl/DER STANDARD, Printausgabe, 2.9.2004)

Links

limes.co.athttp://www.wien.gv.at/archaeologie wien.gv.at/archaeologie

"VINDOBONA - Österreichischer Limes - Teil 1" über die römische Zeit Wiens, ab Herbst erhältlich, 25 Euro

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