"Die bekommen hier keinen Quadratmeter"

7. September 2004, 16:11
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Im Ötztal wehren sich die Touristiker massiv gegen Kraftwerkspläne der Tiwag

Längenfeld – "Die bekommen hier keinen Quadratmeter", gibt sich Herbert Scheiber kämpferisch. Als Hirte ist er im Kessel des hintersten Sulztales für 150 Rinder und 500 Schafe verantwortlich. Scheiber ist davon überzeugt, dass die Agrargemeinschaft, zu der 40 Bauern aus Längenfeld und Gries gehören, auch den Verlockungen hoher Abschlagszahlungen durch die Tiwag widerstehen werden, die hier ein großes Speicherkraftwerk plant.

Die Touristiker des Ortes haben sich dieser Tage bereits auf ein klares Nein geeinigt. "Längenfeld hat sich in den letzten Jahren mit großen Anstrengungen und Investitionen als Ort des gehobenen Gesundheits- und Erholungstourismus positioniert", erklärt Michael Gstrein, Obmann des Tourismusverbandes. Die Eröffnung der Therme in Längenfeld Ende September sei "die Krönung dieser Bemühungen". Mit fünf- bis achtjährigem Baustellenverkehr sei dies nicht vereinbar "und beschädigt nachhaltig unser Image als Thermen- und Urlaubsort", wie es in einem gestern an Tiwag-Chef Bruno Wallnöfer abgeschickten Protestbrief heißt.

Die Touristiker bezeichnen das Sulztal als beliebtestes Wandergebiet der Region. Beim Lokalaugenschein am Mittwoch bestätigt sich das nicht nur durch die große Zahl der Wandernden. Der Blick von der Ambergerhütte in den grünen Kessel des Sulztales mit den dahinter aufragenden Gletscherbergen bestätigt, dass dieser Talschluss "eine Perle der Region" ist und zu den schönsten des Landes zählt. Offensichtlich wird vor Ort auch, wieso hier seit 70 Jahren Kraftwerkspläne gewälzt werden: Unmittelbar neben der 1888 errichteten Alpenvereinshütte kommen die Bergflanken beiderseits sehr eng zusammen, eine relativ kleine Staumauer würde genügen. Ersäuft würden dann nicht nur die Weidegründe am Talboden, sondern auch die Ambergerhütte selbst. Sie soll hundert Höhenmeter weiter oben neu errichtet werden.

"Hundert Prozent"

Zum Lokalaugenschein ist auch ein Gruppe von Frauen aus Gries gekommen, die in dem 240 Einwohner zählenden Weiler Zimmer vermieten. "Hundert Prozent unserer Gäste sind dagegen", sagen sie und verweisen auf eine eben gestartete Unterschriftenaktion. Gemeinsam mit den Hoteliers aus Längenfeld fühlen sie sich durch die Kraftwerkspläne in ihrer Existenz bedroht. Immerhin geht es um 550.000 Nächtigungen, knapp die Hälfte davon im Sommer.

Tiwag-Chef Wallnöfer hat kürzlich im Standard-Interview das Ötztal als "energiewirtschaftlich besonders interessantes Projektgebiet" bezeichnet. Über mögliche Standorte will er im Herbst die Landesregierung informieren. Das Sulztal wird dabei sein – der Widerstand gegen das Projekt hat erst begonnen. (hs/DER STANDARD, Printausgabe, 2.9.2004)

Das nahe Sulztal gilt als Favorit für einen Großspeicher mit 120 Millionen Kubikmeter Wasser.
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