Terroristen mit Sprengstoffgürteln drohen mit Ermordung von Schulkindern

1. September 2004, 18:52
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Russische Einsatzkräfte verhandeln mit Geiselnehmern - Über 200 Erwachsene und Kinder in Schule in Nord-Ossetien in der Hand der Terroristen - Freilassung tschetschenischer Kämpfer verlangt - Tod von bisher zwei Geiseln bestätigt

Moskau - Nach der Geiselnahme in einer Schule in Nord-Ossetien haben die Einsatzkräfte am Mittwoch Verhandlungen mit den Geiselnehmern aufgenommen. Über den Inhalt der Gespräche machte der Leiter des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, Waleri Andrejew, zunächst keine Angaben. Andrejew dementierte Berichte über acht Todesopfer des Überfalls. Derzeit könne der Tod von zwei Geiseln bestätigt werden, hieß es.

Unter den Geiseln sind nach Angaben des Krisenstabes 132 Kinder. Diese Zahl sei bis zum späten Nachmittag nach Angaben der Eltern ermittelt worden, teilte der örtliche Krisenstab laut der russischen Nachrichtenagentur ITAR-TASS mit. Weitere Geiseln sind zudem Lehrer und Eltern, da am Mittwoch Schulbeginn war.

Die Geiselnehmer haben nach abweichenden Angaben zwischen 200 und 400 Schüler, Lehrer und Eltern als Geiseln genommen. Die Entführer forderten die Freilassung von Inhaftierten in der Nachbarrepublik Inguschetien und drohten damit, für jeden getöteten Kämpfer 50 Kinder zu töten.

Bis zu 17 schwer bewaffnete Männer und Frauen hatten die Schule in der südrussischen Teilrepublik Nord-Ossetien am Mittwochmorgen überfallen. Die Attentäter stürmten das Gebäude, als Schüler und Erwachsene an einer Feier zu Beginn des neuen Schuljahres teilnahmen. Die Terroristen forderten die Freilassung tschetschenischer Rebellen und drohten mit der Sprengung der Schule, sollte die Polizei eingreifen. "Sie haben gesagt, dass sie für jeden getöteten Kämpfer 50 Kinder töten werden und für jeden verletzten Kämpfer 20", sagte der Innenminister der Region, Kasbek Dsantijew, in Beslan.

Putin bricht Urlaub ab

Der russische Präsident Wladimir Putin brach wegen der Geiselkrise seinen Urlaub am Schwarzen Meer ab und kehrte nach Moskau zurück. Er steht wegen der anhaltenden Gewalt tschetschenischer Rebellen unter erheblichem innenpolitischen Druck. Bei einem Selbstmordattentat am Vorabend in Moskau waren zehn Passanten getötet worden, bei Anschlägen auf zwei russische Passagiermaschinen in der vergangenen Woche rund 90 Menschen.

Sprengstoffgürtel und Granatenwerfer

Einige der Geiselnehmer trugen den Meldungen zufolge Sprengstoffgürtel am Leib und Granatwerfer auf der Schulter. Augenzeugen berichteten, sie hätten den ganzen Tag über vereinzelt Gewehrschüsse gehört. "Jeder Gewehrschuss, den ich höre, ist wie ein Schuss in mein Herz", schluchzte eine Frau. Ihr Kind sei unter den Geiseln.

"Ich habe in der Nähe der Schultore gestanden", berichtete ein Jugendlicher. "Dann habe ich drei Leute mit Gewehren laufen sehen. Ich habe erst gedacht, das sei ein Witz, aber dann haben sie in die Luft geschossen. Da bin ich weggerannt."

Hunderte Polizisten, Sicherheitskräfte des Innenministeriums und Sanitäter waren im Einsatz. Gepanzerte Fahrzeuge standen in der Nähe der Schule. Tass meldete, die Geiselnehmer wollten tschetschenische Kämpfer freipressen, die im Juni in der Nachbarrepublik Inguschetien festgenommen worden seien. Sie wollten nur mit den Präsidenten von Nord-Ossetien und Inguschetien verhandeln, hieß es. Einen Vermittlungsversuch der moslemischen Gemeinde von Beslan wiesen sie zurück. Fast 50 Kinder konnten fliehen

Agenturberichten zufolge gelang im Laufe des Vormittags fast 50 Kindern die Flucht aus dem Schulgebäude. Sie hätten sich während des Angriffs verstecken können, meldete Itar-Tass. "Es gibt Informationen, dass mehreren Kindern die Flucht gelungen ist. Sie werden nun von der Polizei befragt", sagte ein Polizeisprecher. Itar-Tass meldete unter Berufung auf die Behörden, die Geiselnehmer hätten 15 Kinder freigelassen.

Die Attentäter hielten ihre Geiseln der Agentur RIA zufolge in der Turnhalle der Schule gefangen. Sie hätten das Gebäude vermint. Von dort aus nahmen sie Augenzeugen zufolge jeden unter Beschuss, der versuchte, Opfer zu retten, die nach dem Angriff und Schusswechseln mit angerückten Sicherheitskräften vor der Schule lagen. "Eine Leiche liegt in der Nähe des Schuleingangs, zwei weitere auf der Straße nahe einem Zaun", sagte ein Vertreter des Innenministeriums Itar-Tass. "Die Angreifer lassen nicht zu, dass jemand die Leichen birgt. Sie eröffnen das Feuer, wenn jemand versucht, sich ihnen zu nähern."

Nord-Ossetien grenzt an Tschetschenien, wo Rebellen für die Unabhängigkeit von Russland kämpfen. Bei früheren Anschlägen hatten tschetschenische Rebellen Hunderte von Geiseln in einem Musical-Theater in Moskau, in Krankenhäusern und auf einem Schiff genommen. Bei der Geiselnahme in dem Musical Theater im Oktober 2002 kamen knapp 130 Menschen ums Leben, als Sicherheitskräfte das Theater stürmten und Gas einsetzten. Die Attentäter hatten rund 700 Menschen drei Tage lang festgehalten. Zu den jüngsten Anschlägen im Moskauer Zentrum am Montag bekannte sich eine radikale moslemische Gruppe, die ihre Taten als Unterstützung für ihre separatistischen Glaubensgenossen in Tschetschenien bezeichnete. (Reuters)

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    Geiselnahme in Nord-Ossetien: Täter haben 400 Schüler in ihrer Gewalt und drohen mit Sprengung der Schule

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