Weniger Autos durch virtuelle Mitfahrzentrale

10. September 2004, 21:16
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Fahrgemeinschaften via Internet sollen ab kommendem Jahr den Pkw-Verkehr in Österreich reduzieren helfen

Wien - Das Bild im allmorgendlichen Berufsverkehr ist stets das gleiche: Die Autos fahren (an guten Tagen) oder stehen (an weniger guten) Stoßstange an Stoßstange, und in den meisten Fahrzeugen sitzt nur eine Person. Dabei hätten laut einer Umfrage vier von zehn Autofahrern und -fahrerinnen nichts dagegen, jemanden mitzunehmen. Der Anteil an Mitfahrwilligen liegt ungefähr gleich hoch.

Dass diese beiden Gruppen zueinander finden, ist das Ziel des Forschungsprojektes "Virtuelle Mitfahrzentrale". Fünf Millionen Pkw-Fahrten und rund 18.000 Tonnen Luftschadstoffe könnten dadurch in Österreich eingespart werden, lautet eines der Forschungsergebnisse.

Für das Projekt haben sich das Institut für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der TU Wien, die Angewandte Psychologie und Forschung GmbH und der Verkehrsplaner Christian Steger-Vonmetz zusammengeschlossen.

Leere Beifahrersitze

"Erschütternd" nennt Steger-Vonmetz die Ein-Mann- beziehungsweise Ein-Frau-Besatzungen im Pkw: "Nur zwei Prozent der Beifahrersitze sind belegt." Übertriebene Erwartungen setzt die Forschungsgruppe in eine virtuelle Mitfahrzentrale dennoch nicht: Auf Basis bestehender Projekte in Österreich und Deutschland schätzen sie das Potenzial vorsichtig auf fünf Millionen Fahrten pro Jahr. Insgesamt 106 Millionen Pkw-Kilometer können so eingespart werden.

Zwei Drittel der eingesparten Fahrten würden aus dem Berufspendelverkehr stammen, glauben die Forscher. Nur in der Anfangsphase würde das System wohl eher für längere Fahrten genützt. Der volkswirtschaftliche Nutzen - eingesparte Pkw-Kosten und Umweltfolgekosten - wird auf 15 Millionen geschätzt. Demgegenüber rechnet die Forschungsgruppe mit Kosten von rund 850.000 Euro für den Aufbau einer solchen Mitfahrzentrale. "Eine Kosten-Nutzen-Relation von 17:1 erreicht man mit keinem Straßenbauprojekt", so Steger-Vonmetz.

Nach der Grundlagenstudie soll im kommenden Jahr die "Virtuelle Mitfahrzentrale" tatsächlich im Internet entstehen. Eine Zusammenarbeit mit der Fahrplanauskunft von ÖBB und Verkehrsverbünden sowie mit Routenplanern ist ebenfalls geplant. Erste Gespräche seien "grundsätzlich positiv" verlaufen, sagt Projektleiter Steger-Vonmetz. "Für konkrete Verhandlungen ist es aber ohnehin noch zu früh."

Autostoppen im Web

Die Mitfahrzentrale funktioniert als Internetplattform: Wer eine Mitfahrgelegenheit sucht oder anbietet, gibt Start-und Zielort sowie die geplante oder gewünschte Abfahrtszeit ein. Das System sucht entlang der Fahrtroute nach passenden Angeboten. Die Autofahrer können selbst definieren, wie viele Minuten Umweg sie in Kauf nehmen wollen, um jemanden mitzunehmen.

Finanziert wird das rund 600.000 Euro teure Projekt zur Hälfte vom Infrastrukturministerium. Den Rest wollen die Mitglieder des Projektteams aus Verkäufen des Systems finanzieren. (APA, fern/DER STANDARD, Printausgabe, 1.9.2004)

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