Mehr Verbrechen, weniger Beamte

8. September 2004, 09:10
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Weniger Beamte müssen mehr Verbrechen klären, ein weiterer Abbau droht

Wien - Raub auf dem Gehsteig, aufgestemmte Wohnungstüren, zertrümmerte Autofenster. Das Risiko, Opfer eines Verbrechens zu werden, ist den vergangenen Jahren sprunghaft angestiegen. Die Zahl der Exekutivbeamten ging dagegen zurück. Eine weitere Reduzierung will man im Innenministerium unbedingt vermeiden.

Die Suche nach Daten ist relativ schwierig. Zwar zeigen die offiziellen Kriminalstatistiken des Innenressorts ein klares Bild: Im Jahr 1989 wurden 423.025 Straftaten bekannt, im vergangenen Jahr waren es 643.286, Tendenz weiter steigend. Ein Plus von rund 52 Prozent also, wobei es in dieser Zeit zu einer Umstellung der Datenerhebung kam, die einen Sprung nach oben produzierte.

Kriminalitätsanstieg

Noch schwieriger ist es bei den Beamten. Im Innenministerium würde es keine exakte Aufstellung über die Zahl der Polizisten und Gendarmen vor 2002 geben, bedauert Michael Kloibmüller, Chef der Personalabteilung. Parat hat er nur die Zahl der Beamten mit Stichtag 1.1.2002. Damals versahen 26.661 Männer und Frauen Dienst, am 1. Juli des heurigen Jahres waren es mehr als 450 Beamte weniger.

Eine Entwicklung, die für den ehemaligen Innenminister Franz Löschnak (SP) "nicht nachvollziehbar" ist. Auch er musste nach 1989 mit einem Kriminalitätsanstieg kämpfen, eine Aufgabe "mit der wir relativ gut fertig geworden sind", wie er glaubt. Ratschläge will er seinem Nachfolger Ernst Strasser (VP) nicht geben, betont Löschnak, "aber die Lage 1989 kam für alle völlig überraschend. Die jetzige Entwicklung war dagegen absehbar, umso weniger verstehe ich die Maßnahmen wie Reduktion der Beamtenzahl und die Durchführung einer Reform, die offenbar mit überwiegender Mehrheit abgelehnt wird." Auf Reformen setzte allerdings auch Löschnak, baute er doch die Gendarmerie und das Innenministerium um.

Budgetverhandlungen

Gegen einen weiteren Personalverlust stemmt sich auch Strasser, der derzeit einen Arbeitsbesuch in den USA absolviert. Wie sein Pressesprecher Hannes Rauch betont, würden die derzeitigen Vorstellungen von Finanzminister Karl-Heinz Grasser in den Budgetverhandlungen "einen jährlichen Abbau von rund 900 Beamten bedeuten." Die hauptsächlich aus der Exekutive kommen würden. Statt dessen fordert Strasser eine Aufstockung, um zumindest den Stand von 2002 zu erreichen.

Dass mehr Polizei auch automatisch weniger Kriminalität bedeutet, bezweifelt der Wiener Kriminalsoziologe Wolfgang Stangl allerdings. Vorgebliche Erfolge wie in New York, wo nach einer massiven Verstärkung der Exekutive die Kriminalitätsrate zurückging, seien aufgrund unterschiedlicher Rechtssysteme und Kompetenzverteilungen nicht so einfach übertragbar. (Michael Möseneder/DER STANDARD, Printausgabe, 1.9.2004)

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    Egal, ob mit Pistolen ...

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    ... oder Messern verübt - in Österreich steigt die Zahl der Verbrechen weiter. Die Zahl der Polizisten ist gleichzeitig gesunken. Geht es nach dem Finanzminister, drohen weitere Einsparungen.

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