Wien soll Harlem werden

8. September 2004, 09:10
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Spazieren gehen in Harlem ist heute schon weniger gefährlich, als zu Fuß im dritten Wiener Gemeindebezirk unterwegs zu sein - Von Otto Ranftl

Spazieren gehen in Harlem ist heute schon weniger gefährlich, als zu Fuß im dritten Wiener Gemeindebezirk unterwegs zu sein. Das klingt ein wenig übertrieben, andererseits muss man relativierend einwenden: wenn in Wien schon Höchstrichterinnen überfallen werden? Die Vizepräsidentin des Verfassungsgerichtshofes wurde dort jüngst Opfer eines Raubüberfalls. Ein Zufall wahrscheinlich, der Verbrecher hat sich ja nicht extra erkundigt, wem er da die Handtasche ziehen will. Der Zufall illustriert aber sehr gut, wie es derzeit in der Hauptstadt um Polizei und Kriminalität steht.

Wien darf nicht Chicago werden, lautete vor etlichen Jahren ein Slogan, mit dem die Freiheitlichen auf Stimmenfang gingen. Damals war die Sicherheitslage gar nicht so schlecht, jedenfalls ist die Situation heute sehr viel schlechter. Die Statistiken, die uns das Innenministerium freundlicherweise jetzt monatlich zur Verfügung stellt, zeigen einen stetigen Anstieg der so genannten Kriminalitätsbelastung. Mehr Einbrüche, mehr Diebstähle, mehr Überfälle, heißt das. In den meisten Verbrechenskategorien geht es unliebsam aufwärts.

Der Innenminister verwendet das als Munition im Kampf ums Geld. Keine weiteren Einsparungen beim Personal, das will er dem Finanzminister abringen. Hunderte Beamte sind ohnehin schon abgebaut worden, da war nichts zu machen, so laut konnte kein Landespolitiker protestieren.

Die Nachricht, dass die Arbeit ein bisserl prekär geworden ist für die Polizisten in Wien, hat sich aber offenbar verbreitet. Es schaut so aus, als würde in den Armenhäusern ostwärts unserer Republik die Kunde gehen, dass ein schneller Fischzug im reichen Wien derzeit kein großes Risiko darstellt. Viel ist dem nicht entgegenzusetzen.

(DER STANDARD, Printausgabe, 1.9.2004)

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