Wer zahlt, schafft an

30. September 2004, 15:12
11 Postings

Mit seinem Motto hat der Verkehrsminister bestätigt, was Niki Lauda sah: dass es bei den ÖBB politische Interventionen gibt - Kolumne von Günter Traxler

Bis vorige Woche war die Nation davon überzeugt, bei Niki Lauda handle es sich um einen seelisch gesunden, sachlich-nüchternen Geschäftsmann, um jemanden, der auch in heiklen Situationen nicht gleich den Überblick verliert. Vielleicht wurde er sogar wegen dieser Eigenschaften in den Aufsichtsrat der ÖBB berufen, wer weiß.

Nun gilt es, dieses Urteil zu korrigieren: Österreichs Rennfahrer-Idol leidet unter schweren Halluzinationen. So versuchen sich jedenfalls Vizekanzler Verkehrsminister Hubert Gorbach und ÖBB-Aufsichtsratspräsident Wolfgang Reithofer zu erklären, wie es möglich sein sollte, dass Lauda sich in dieser Versammlung heftig von Gespenstern des Postenschachers verfolgt fühlte und sich von seiner Zwangsvorstellung nur befreien zu können glaubte, indem er aus dem Aufsichtsrat ausschied.

Diagnosen

Zum Glück waren die beiden Herren mit ihren im Prinzip übereinstimmenden, nur im Fachjargon leicht unterschiedlichen Diagnosen sofort bei der Hand. Diese zeigen, dass es sich um einen schweren Fall von Postenschacherneurose handelt. Der Minister konstatierte eine Sucht nach "tiefstem Kaffeesud", der Herr Präsident ging einen Schritt weiter und sprach von "Schwachsinn". Nur Helmut Kukacka, zufällig Verkehrsstaatssekretär, tat so, als nähme er die wahnhaften Behauptungen des Ex-Aufsichtsrates ernst und lehnte "solche Pauschalunterstellungen" entschieden ab – für die ÖVP.

So rasch kann es mit einem Nationalhelden bergab gehen. Traurig. Noch trauriger, dass sich die Journaille wieder einmal um das Urteil der drei Kapazitäten am Krankenbett der ÖBB nichts pfiff, sondern die Wahnvorstellungen Niki Laudas zum Gegenstand von Berichterstattung machten. Besonders schamlos der ORF, der die aus der Sicht des Verkehrsministers krankhafte Sensibilität für ein Interview ausnutzte. Dabei versuchte Lauda zu dissimulieren, indem er zunächst beteuerte, er wäre offiziell wegen Arbeitsüberlastung in seiner Fluglinie ausgeschieden. Dann aber brach heraus, was ihn quälte. "Der Spagat zwischen wirtschaftlichen Notwendigkeiten und politischem Interesse" sei zu groß geworden, insbesondere, als er den Minister brieflich um ein Ende der ständigen Interventionen ersuchte und von diesem die Antwort erhielt: "Wer zahlt, schafft an!"

"Gewisse Rechte"

Der Minister war gewiss davon überzeugt, mit dieser paradoxen Intervention die Zwangsvorstellung Laudas zu dämpfen und so das Leiden zum Besseren zu wenden. Doch gut gemeint ist nur zu oft das Gegenteil von gut administriert – Lauda legte seinen Sitz im Aufsichtsrat zurück. Da war es schon zu spät, dass der Präsident sich dem Minister in der Presse, wenn schon nicht im Ton, so doch in der Sache deutlich annäherte: Er könne keine politische Einflussnahme erkennen, man müsse aber sehen, "dass der Eigentümer gewisse Rechte hat".

Nun könnte man es sich leicht machen und einfach feststellen: Mit seinem Motto "Wer zahlt, schafft an" hat der Verkehrsminister bestätigt, was Niki Lauda sah: dass es bei den ÖBB politische Interventionen gibt. Doch wen würde das überraschen? "Überrascht" wie dort gearbeitet wird, war nur Niki Lauda. Wirklich überraschend ist höchstens die Wahnvorstellung des Verkehrsministers – eines sparsamen Alemannen –, es sei er persönlich, der die ÖBB-Reform bezahle, was ihm das "gewisse Recht" des Eigentümers verleihe, dort personalpolitisch anzuschaffen. Oder es sei seine Partei, für deren Kinder schließlich "gewisse Rechte" ausgeübt werden.

Ehe noch jemand auf die Idee kommt, Zahler könnte die Bevölkerung sein, sollten die Medien auf Präsident Reithofer hören, der gefordert hat, sie mögen zu seriöser Berichterstattung zurückkehren und "keine Blähungen wiedergeben". Man muss ja nicht alles wiedergeben, was bläht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.9.2004)

Share if you care.