Bringt New York nach Najaf!

9. September 2004, 18:09
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Oder: Wie uns Naomi Klein den Krieg erklärt – eine Replik - Ein Kommentar der anderen von Bernhard Torsch

Naomi Klein ist eine große Nummer in der glo balisierungskritischen Bewegung. Mit ihrem Buch "No Logo" hat sie uns darüber aufgeklärt, dass es sich bei Nike, Coca Cola und Co. nicht um Caritas oder amnesty international in Konzernform handelt.

Ich war überrascht, ja betroffen! Vor der Lektüre von Kleins Werk hatte ich noch fest daran geglaubt, dass den Managern der Global Player ausschließlich das Wohlergehen von hungernden Kindern und der Erhalt der Natur und keinesfalls Profit um jeden Preis am Herzen liege.

Nicht ohne Grund ist Klein, wie wir dem STANDARD entnehmen, "eine der begehrtesten Kolumnistinnen in den USA", und jeden zweiten Montag er leuchtet sie an dieser Stelle auch uns Österreicher.

Letztens (28. 8.) überschrieb sie eine ihrer Empörungswallungen mit dem Titel "Bringt Najaf nach New York!". Da in der angesprochenen irakischen Stadt seit Monaten geschossen, gebombt und gestorben wird, wird diese Anregung die New Yorker sicher lich freuen.

Nun ist es Frau Kleins gutes Recht, eine stärkere Thematisierung der Vor kommnisse im Irak einzufordern, doch ihre Kolumne ist von der dumm-reißerischen Überschrift bis zu der anti-aufklärerischen Argumentation ein einziges Ärgernis.

Zunächst dreht Klein einmal kurzerhand die Fakten um: In ihrem Text "trampeln US-Marines durch den Totenhain" und "benutzen die Grabsteine als Deckung". Und das alles nahe dem "heiligen Schrein Imam Ali".

Dass es der Fundamentalist Al-Sadr war, der diesen Kampfplatz gezielt ausgesucht hat, verschweigt die Autorin. Logisch, ist die Privatarmee dieses Kalaschnikow-Predigers in ihren Augen doch "repräsentativ für die Haltung der überwältigen den Mehrheit im Irak".

Woher sie dies weiß, verrät sie uns nicht. Dass die "überwältigende Mehrheit im Irak" möglicherweise lieber Frieden, Wohlstand und freie Wahlen will, statt für Allah zu sterben, halte ich persönlich aber für nicht ganz ausgeschlossen.

Heiliger Zorn?

Wie zähe, schmierige Fäden ziehen sich durch Kleins Kolumne die Begriffe "heilig" und "Heiligtum". Die Besatzer, so zürnt die Schreiberin, seien unfähig, auf die religiösen Gefühle "der Iraker" Rück sicht zu nehmen. Mit dieser Argumentation bedient Klein genau die bauchlinke Klientel, die ein dermaßen großes Unbehagen an der Kultur ver spürt, dass in ihren Augen jede Bande bewaffneter Fanatiker zu Widerstandskämpfern gegen die böse moderne und offene Gesellschaft mutiert und letztendlich weiße Bärte mit Weisheit verwechselt werden.

Haben wir nicht mit Blut und harter politischer Arbeit die Einflüsse des Irrationalen soweit zurückgedrängt, dass sie dort ausgelebt werden, wo sie hingehören, nämlich in Gotteshäusern und Esoterik shops statt in der Legislative?

Müssen wir tatsächlich noch ehrfurchtsvoll erschauern, wenn ein Stück Land oder ein Steinhaufen als "heilig" be zeichnet wird? Sollte es uns nicht egal sein, wo ein Krieg tobt, da es doch der eigentliche Skandal ist, dass er tobt?

In den Straßen von New York demonstrieren diese Woche hunderttausende Menschen gegen die Politik von George W. Bush. Ich persönlich wünsche den Gegnern der derzeitigen US-Regierung viel Erfolg, da es genug Gründe gibt, um gegen diese Melange aus Wirtschaftsinteressen und ideologischer Rechtslastigkeit zu sein. Der Punkt aber ist, dass man in New York seine Meinung öffentlich bekunden kann, ohne im Folterkeller zu landen.

Sollte sich der Irak zu einem schiitisch dominierten Gottesstaat verwandeln, wird es dort nicht mehr Freiheit geben, als unter Saddam, vielleicht sogar weniger.

Al-Sadr repräsentiert eben nicht die "Überwältigende Mehrheit des Irak", wie Klein uns mit ihrer Gut-Böse-Logik weismachen will, sondern ein kleriko-faschistisches Gesellschaftsmodell, das Frauen, Anders gläubige, Linke und etliche weitere Gruppen tödlicher Verfolgung aussetzen würde.

Daher kann ein denkender Mensch nicht umhin, dem Realitätsbezug der Kolumnistin einen kleinen Ortswechsel zu empfehlen: "Bringt New York nach Najaf!". (DER STANDARD, Printausgabe, 1.9.2004)

Der Autor war viele Jahre für die AK und die SPÖ Kärnten tätig und lebt heute als freier Publizist in Klagenfurt.
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