Pingpong im Kopf bewegt den Ball

8. September 2004, 12:47
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Neurologen haben ein Computerspiel entwickelt, das allein mit der Kraft der Gedanken gespielt werden kann

Maastricht – Telekinese, Materialisation, Levitation: Was an sich im Bereich der Parapsychologie – dem ungeklärten Einfluss des Menschen auf materielle Dinge – beheimatet ist, gewinnt wissenschaftlich immer festeren Boden. Neurowissenschafter haben ein Pingpong-Computerspiel entwickelt, das allein mit der Kraft der Gedanken gespielt werden kann.

In den vergangenen Jahren hatten Forscher bereits Chips entwickelt, die Gehirnsignale an der Muskulatur erkennen und auf Maschinen übertragen. Und erst vor kurzem hatte ein US-österreichisches Team gezeigt, dass man den Maus- Cursor auf dem Computer bewegen kann, indem man elektrische Signale des Gehirns übersetzt. Die Forscher der Technischen Universität Graz und der Universität Michigan hatten die Elektroden für die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine direkt auf die Hirnrinde aufgelegt, um zu genauen Signalen zu kommen.

Mit seinem Pingpongspiel hat das Team um Rainer Goebel von der Universität Maastricht nun die Schritte, die das Gehirn unternimmt, um den Ball über den Tisch zu jagen, genauer beobachtet. Es gelang mit einer speziell sensibilisierten Magnetresonanzmaschine ("functional MRI"), die magnetische Signale von an Eisen gebundenem Sauerstoff in der Blutbahn misst, dessen Anteil bei erhöhter Hirnaktivität steigt.

In Echtzeit über den Computer-Tischtennistisch

Die Köpfe der beiden "Brain Pong"-Spieler lagen dabei in Magnetresonanz-Tomografen, die jenen ähneln, die bei Gehirnscans verwendet werden. Die Spieler bewegten den Pingpongball in Echtzeit über den Computer-Tischtennistisch, indem sie ihre Gedanken auf bestimmte Dinge richteten, berichtet Goebel in Nature.

Die meisten Testpersonen konnten ihre Gedanken schon nach kurzen Trainings "einschalten" und "ausschalten", wobei die Trainings individuell waren. "Ein Musiker konnte sich sehr gut das Bild und den Klang eines Konzertes vorstellen – eine Fähigkeit einer spezifischen Region des Gehirns", erklärt Bettina Sorger, die das Projekt mitbetreute: " Wenn er den Pingpongball bewegen wollte, fügte er immer mehr Musiker zu seinem mentalen Orchester hinzu und erhöhte die Intensität seiner Vision zu einem Crescendo." Es sei das erste Computerspiel, bei dem sich zwei Spieler in Echtzeit allein mit der Kraft der Gedanken austauschen können.

Die Entdeckung könnte schwerstbehinderten Menschen helfen, einen Rollstuhl zu steuern. Oder sie könnte ihnen den "Zugriff" auf die Außenwelt öffnen durch die Steuerung eines Sprechcomputers mittels Gedanken. Auch Depressiven – deren Krankheit mit einer Überaktivität von Hirnregionen zu tun hat – könnte geholfen sein: Sie könnten lernen, ihre Gehirnaktivität wegzulenken von den Mustern, die die Symptome verursachen. (Eva Stanzl/DER STANDARD, Printausgabe, 1.9.2004)

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    derstandard.at
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