Milosevic klagt die restliche Welt an

1. September 2004, 13:42
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Jugoslawischer Ex-Präsident begann seine Verteidigung vor dem UN-Tribunal

Zu Beginn seiner Verteidigung hat der vor dem Internationalen Jugoslawientribunal in Den Haag des Völkermords, der Kriegsverbrechen und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagte frühere jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic alle Schuld von sich gewiesen.

Ursache der Verbrechen, zu denen es beim Zerfall Jugoslawiens gekommen sei, seien vor allem jene westlichen Mächte, die gezielt auf den Zerfall seines Landes, "eines einzigartigen multiethnischen, multikulturellen und multireligiösen Staates", hingearbeitet hätten. Im Einzelnen nannte er Deutschland, das in der EU die Anerkennung der Anfang der Neunzigerjahre abtrünnigen Teilrepubliken Kroatien und Slowenien durchgesetzt habe, den Vatikan, der das katholische Kroatien gegen das orthodoxe Serbien unterstützt habe, die USA und die EU, die gegen eigene Prinzipien gehandelt hätten, keine gewaltsame Sezession zu dulden.

Die kroatische Regierung habe zu Beginn der Neunzigerjahre einen erneuten Genozid an ihrer serbischen Minderheit vorbereitet, ganz in der Tradition der Ustascha, die bereits während des Zweiten Weltkrieges an den Serben Völkermord verübt hätten.

Milosevic, der nach der Sommerpause und zusätzlicher Vorbereitungszeit für sein vierstündiges Auftaktstatement sichtlich erholt und in guter Verfassung auftrat, wiederholte zahlreiche Thesen, die er bereits in den letzten beiden Jahren vor Gericht vorgetragen hatte. Das eigentliche, größte Verbrechen in der Balkanregion sei die Zerschlagung Jugoslawiens gewesen, ein "Verbrechen gegen den Frieden".

Verschwörungen

Jugoslawien und Serbien seien Opfer einer internationalen Verschwörung, an der nicht nur die westliche Staatengemeinschaft, sondern auch islamische Staaten und Mudjahedin aus Afghanistan teilgenommen hätten. Das Tribunal, vor dem er stehe, sei illegal, weil es nicht von der UN-Vollversammlung und aufgrund eines internationalen Vertrags, sondern vom Sicherheitsrat aufgrund eines Beschlusses gegründet worden sei und nicht nur von Staaten, sondern auch von Menschenrechtsorganisationen, Stiftungen und islamischen Staaten unterhalten werde.

Auf konkrete Tatvorwürfe, für die Chefanklägerin Carla Del Ponte in den letzten zwei Jahren zahlreiche Beweise vorgelegt hat, ging Milosevic nicht ein. Er lehnt auch weiter einen Verteidiger ab. Das Gericht hat bereits Vorbereitungen getroffen, um ihm bei einer Verschlechterung seines Gesundheitszustandes einen Verteidiger aufzuoktroyieren, doch haben die Richter darüber noch nicht endgültig entschieden. Milosevics Verteidigung ist auf 150 Tage angesetzt. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.8.2004)

Von Klaus Bachmann aus Den Haag
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