"Mein Ansatz dazu heißt: Teilen"

6. September 2004, 12:54
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"Auf österreichischem Lebensstandard könnte die Erde nur zwei bis drei Milliarden Menschen ernähren" - Dennis L. Meadows im Interview mit Michael Bachner

Standard: Professor Meadows, freut es Sie, dass die Rohölpreise jetzt längere Zeit auf Rekordniveau lagen und erst in den letzten Tagen wieder sinken?

Meadows: Es kommt darauf an, welche Konsequenzen das hat. Erfreulich ist, dass wieder einmal darüber nachgedacht wird, dass Erdöl eine nicht ewig zur Verfügung stehende Ressource ist und wir alternative, erneuerbare Energiequellen erschließen müssen.

Standard: Erdöl schmiert die Weltwirtschaft, heißt es. Wie lange kann die industrialisierte Welt derart massiv auf diese Energiequelle setzen?

Meadows: Die globale Ölproduktion wird recht bald, vielleicht noch in diesem Jahrzehnt, ihren Höhepunkt überschreiten.

Standard: Dass uns das Öl ausgeht, haben Sie aber schon 1972 behauptet.

Meadows: 1972 haben wir uns nicht spezifisch auf Öl und Gas fokussiert, sondern in unseren Modellrechnungen alle nicht erneuerbaren Ressourcen zusammengefasst. Wir haben nicht einmal im pessimistischsten Szenario gesagt, dass die Menschheit alle Ressourcen aufbrauchen wird. Sogar 2100 werden noch 25 bis 30 Prozent der Reserven vorhanden sein.

Standard: Wo ist dann die große Gefahr, vor der Sie warnen?

Meadows: Die Antwort ist erschreckend einfach. Mehr und mehr Kapital muss investiert werden, um diese Ressourcen finden und nutzen zu können. Dadurch wird ein negativer Kreislauf in Gang gesetzt, der zu weniger Output, weniger Investment, weniger Kapital und wieder weniger Output führt. Ein Drittel aller Länder der Welt, wenn auch kleinere Länder, befinden sich schon in dieser Abwärtsspirale. Zwischen 2010 und 2030 wird sich dieser Prozess massiv beschleunigen. Wir werden all die negativen Konsequenzen, etwa für das Klima, sehen.

Standard: Aber am Beispiel Öl und Benzin sieht man doch, dass wir inflationsbereinigt auf dem Preisniveau der 70er-Jahre sind.

Meadows: Das sagen auch die Ökonomen in den USA. Richtig ist aber, dass der Kunde am Zapfhahn in den USA für die Gallone (3,8 Liter, Anm.) zwei Dollar zahlt, die Gesamtkosten aber bei 15 Dollar liegen. 13 Dollar zahlt die Gesellschaft drauf. Inkludiert sind hier alle Kosten, also bis hin zu den Militärausgaben für die Bewachung der Ölquellen im Irak.

Standard: Sie sprechen über Nachhaltigkeit. Aber auch beim Bevölkerungswachstum ist es doch gelungen, das beängstigende Wachstum der Vergangenheit zu bremsen.

Meadows: Erst heute habe ich gelesen, dass die Bevölkerungsbombe entschärft sei. Das ist verrückt. Nur weil mit zwölf Milliarden Menschen gerechnet wurde, wir bei sechs Milliarden halten und eventuell neun sehen werden. Mit einem Lebensstandard, wie Sie ihn in Österreich kennen, könnte unser Planet nur zwei Milliarden, vielleicht drei ernähren. Die Bombe ist also bereits explodiert.

Standard: Sie meinen, wenn Staaten wie China sämtliche westliche Konsummuster übernehmen, führe das unweigerlich zum Kollaps?

Meadows: Die Daten, die wir für die dritte Auflage des Buches zusammengetragen haben, zeigen: Der ökologische Fußabdruck der Menschheit stieg schon 1988 über den Wert von eins, seither leben wir also über unsere Verhältnisse. Und wir wachsen weiter. Sogar in Alpbach - mitten in den Bergen - liegt der Fokus auf Steuerfragen und wie man die Globalisierung vorantreiben kann. Erschreckend.

Standard: Und das Arbeitsplatzargument hinter der Wachstumsphilosophie?

Meadows: Wir hatten 20 Jahre erstaunliche Wirtschaftswachstumsraten. Das Ergebnis ist die heutige hohe Arbeitslosigkeit. Warum in aller Welt sollten wir jetzt mit ein wenig zusätzlichem Wachstum unser Arbeitsmarktproblem lösen können?

Standard: Haben Sie die Lösung parat?

Meadows: Was wir brauchen, ist ein völlig neuer Ansatz qualitativen, nachhaltigen Wachstums, ein völliges Umdenken, wie viel wir konsumieren und wie wir unseren Wohlstand verteilen. Mein Ansatz dazu heißt: Teilen. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.9.2004)

Zur Person
Der US-Chemiker und Managementprofessor Dennis L. Meadows machte 1972 mit seinem für den Club of Rome verfassten Bericht von den "Grenzen des Wachstums" weltweit Furore. Damals arbeitete Meadows am Massachusetts Ins^titute of Technology (MIT). In den 80er- und 90er-Jahren hagelte es Kritik an Meadows' düsteren Prog^nosen, die vielfach aufgrund technologischer Verbesserungen, etwa in der Erdölsuche, nicht eingetre 2. Spalte ten sind. Als Reaktion darauf brachte der Club of Rome 1997 seinen "Faktor vier"-Bericht heraus. Heute leitet der 62-Jährige das Institut für Politik und sozialwissenschaftliche Forschung an der Universität New Hampshire. Meadows tritt heute, Mittwoch, bei den von Austria Perspektiv mitveranstalteten "Wirtschaftsgesprächen" beim Forum Alpbach auf. Das Thema: "Grenzen des Wachstums, Grenzenloses Wachstum." (miba)
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    Ölraffinerie bei Basra

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