Buhs für Moore, Jubel für Bush

2. September 2004, 11:42
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Parteitag der Republikaner in New York: Scharfe Attacken gegen John Kerry und überraschender Besuch

George W. Bush ist der Einzige, der den Krieg gegen den Terror entschlossen genug führen kann: Mit dieser Botschaft und einer endlosen Beschwörung des 11. 9. 2001 begannen die Republikaner ihren Parteitag in New York.

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Obacht, Superstar! Wenn Leute mit besonders hohem Popularitätsgrad auf einem Parteitag die Werbetrommel rühren, dann ist dies immer mit einem Risiko verbunden: Nämlich dem, dass der Werber dem Beworbenen in unproduktiver Weise die Show stiehlt.

Das war bei Bill Clinton und John Kerry in Boston so, und das ist bei Arnold Schwarzenegger und George W. Bush in New York City so. Schwarzenegger, so hieß es, habe bei der Vorbereitung seines New- York-Besuches und seiner Convention-Rede am Dienstagabend peinlich genau darauf geachtet, sich keine Termine auszumachen, die ungebührlich viel Aufmerksamkeit von George W. Bush abgezogen hätten.

Während am Montagabend unten rund um den Madison Square Garden noch einige versprengte linke Schwadronen gegen Bush agitierten ("Bush, du bist gefeuert!"), wurde oben in der Halle selbst stundenlang auf die patriotische Trommel gehauen, was das Zeug hielt.

Aus der Masse der Delegierten, die auf dem "Floor", dem riesigen Saalboden wogte, wurden Aberhunderte Plakate in die Höhe gereckt ("We love Bush!", "Four more years!"). Präsidentenvater George Herbert Walker Bush sowie der stets sardonisch schmunzelnde Vizepräsident Dick Cheney folgten den auf riesigen Videoleinwänden in den Saal übertragenen Botschaften der Hauptredner, New Yorks Exbürgermeister Rudy Giuliani und Senator John McCain.

Giuliani dankte Gott dafür, dass der 11. 9. 2001 unter der Präsidentschaft Bushs stattgefunden habe und attackierte John Kerry scharf als prinzipienlosen Politiker. Weitere Schelte gab es für die Deutschen und deren Opposition gegen den Irakkrieg. Giuliani ist nicht der Einzige, bei dem noch Restressentiments gegenüber dem alten Europa vorherrschen.

Der Berichterstatter konnte sich jedenfalls vergewissern, dass die Enthüllung, man komme von drüben, bei manchen Parteitagsbesuchern leicht gereizte Reaktionen hervorruft. Judy Fishers, eine Delegierte aus Indiana, teilte dem STANDARD klipp und klar mit, worin der grundlegende Haltungsunterschied gegenüber dem Terror bestehe: "Wir retten die Welt, ob ihr es wollt oder nicht."

Bemerkenswert, wenn auch nicht überraschend: Von der europäischen Gepflogenheit, den Krieg gegen den Terror und den Irakkrieg als zwei möglicherweise gesondert zu betrachtende Sachen zu sehen, war an diesem Abend rein gar nichts zu bemerken.

Im Gegenteil: Allein die Abfolge der Sprecher, ein buntes Potpourri von Polizisten, Kriegsveteranen und Feuerwehrleuten, zeigte, dass sich – zumindest für die Parteitagsdramaturgen – die zivile und die militärische Sphäre bei der Terrorbekämpfung unterschiedlos ineinander schieben. Dem Veteranen McCain fiel dabei die Aufgabe zu, den Irakkrieg als unabdingbaren Notwehrakt darzustellen.

Frenetischen Applaus erntete McCain mit einer Frontalattacke auf Michael Moore, der in seiner Eigenschaft als Kolumnist von USA Today selber im Madison Square Garden zugegen war und grinsend mit seinem Käppi wedelte, als ihn McCain als "hinterfotzigen Filmemacher" titulierte, der das Leben unter Saddam als harmlose Angelegenheit dargestellt habe.

Die Wirkung im Saal war so, als habe man einen Eimer Benzin in ein Feuer geschüttet: Minutenlange Buhrufe, die in ohrenbetäubende "Four more years! Four more years!"-Sprechchöre übergingen. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.9.2004)

Christoph Winder aus New York
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