Verkaufsgerüchte verdichten sich

2. September 2004, 12:13
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Bei Einstieg von Siemens drohen Zerschlagung und Jobabbau - mit Infografik

Linz/Wien - Seine Flucht nach vorn in Richtung Kapitalerhöhung könnte der VA-Tech-Vorstand möglicherweise etwas zu spät angetreten haben. Geht alles glatt, würden zu diesem Zeitpunkt nämlich bereits Übernahme und Zerschlagung des Anlagenbaukonzerns beschlossen sein.

Entsprechende Gerüchte sind seit dem bilanziellen "Blutbad", das Generaldirektor Klaus Sernetz und sein Vize Gerhard Falch vorige Woche angekündigt haben, nämlich zahlreicher im Markt als je zuvor. Im Zentrum steht einmal mehr Siemens. Das Interesse des Elektromultis an der kränkelnden Sparte Energieübertragung und -verteilung (T&D) sei so intensiv wie schon lang nicht, heißt es.

Interesse an Turbinengeschäft

Laut Siemens-Konzernkreisen konzentriert sich das Interesse auf das Turbinengeschäft des Linzer Anlagenbaukonzerns. Insbesondere, weil sich jenes an der Großturbinensparte des französischen Konkurrenten Alstom bis jetzt nicht befriedigen ließ. Alstom hatte eine Partnerschaft mit Siemens abgelehnt, da diese nicht im Interesse der Kunden, der Mitarbeiter und der Aktionäre sei. Das von der EU-Kommission gebilligte Hilfspaket für Alstom machte die Hoffnungen zunichte.

Offizielle Statements seitens Siemens gibt es dazu freilich nicht, die Hinweise auf derartige Pläne verdichten sich jedoch. Die Fäden laufen im Stammhaus in München zusammen, Siemens Österreich stellt demnach das Know-how zur Verfügung. VA Tech ist hier keine unbekannte Größe, schließlich war Siemens-Vorstand Georg Antesberger bis vor zwei Jahren das für T&D zuständige Mitglied des VA-Tech-Vorstands.

Eine freundliche Übernahme der VA Tech durch die Deutschen wäre freilich nur möglich, wenn die Hauptaktionäre Victory Industriebeteiligung AG (Mirko Kovats, 12,53 Prozent) und ÖIAG (15 Prozent) zustimmen. Die ÖIAG hat einen Verkauf zwar ausgeschlossen, Thema soll eine Abgabe des Pakets aber in der Aufsichtsratssitzung am 17. September sein.

Kovats wiederum lässt verlauten, bei der Kapitalerhöhung im größtmöglichen Rahmen zuzuschlagen - obwohl die Aktie so teuer ist wie seit Jahren nicht mehr. Bei einem guten Angebot seitens Siemens könnte Kovats einen guten Schnitt machen.

Höchste Nervosität

Dass es ernst ist, zeigt auch, dass Sernetz und Falch ihre Investoren-Roadshow teilweise abgesagt haben und sowohl am Freitag als auch am Montag in Österreich unterwegs waren. Der Schritt wird bei Banken als Zeichen höchster Nervosität gewertet.

Für den VA-Tech-Konzern und den Standort Österreich hätte eine Übernahme durch Siemens freilich verheerende Auswirkungen. Aufgrund deutlicher Geschäftsüberschneidungen wäre dies nicht nur das Aus für die Transformatoren-Fertigung in Graz und Linz, wovon rund 700 Mitarbeiter betroffen wären. Auch hunderte Beschäftigte in der Montage und noch mehr in der T&D. "Wenn Siemens kommt, bleiben in Österreich von 8000 nicht mehr als 2500 Mitarbeiter übrig", sagt ein Insider. Auch für VA-Tech-Partner General Electric würde nichts mehr produziert, denn Siemens fertigt in Nürnberg. (DER STANDARD Printausgabe 31.08.2004, Luise Ungerboeck)

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