Sicherheitsdenken und "positive Signale"

6. September 2004, 22:35
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Ausklang des Jazzfestivals Saalfelden 2004

Saalfelden - "Tradition und Moderne": Die nicht eben bedeutungsschwangere Vagheit des diesjährigen Saalfeldener Festivalmottos stand im ersten Jahr unter neuer künstlerischer Leitung partiell für eine von Sicherheitsdenken geprägte Programmlinie. Zumindest zum sonntägigen Festivalausklang setzte das vom im Frühjahr bestellten Intendantenduo Michaela Mayer/ Mario Steidl unter großem Zeitdruck aus dem Boden gestampfte Programm primär auf bewährte, in Saalfelden wohl bekannte Kräfte.

Wolfgang Muthspiel hielt da in einem seiner raren Solokonzerte mittels nuancenreicher, aus der Improvisation entwickelter Piecen hörenswerte Innenschau - nicht ohne etwa auch die zerklüftete Rhapsodik eines Harry Pepl und das Rhythmusgitarren-Geschrumme der Django-Reinhardt-Gruppen in kluger Abstraktion zu reflektieren; und auch Muthspiels altbekannte wie grandiose Paraphrase von All My Loving durfte nicht fehlen.

Frankreichs Bassisten-Grandseigneur Henri Texier sprengte mit seinem Strada Sextet die kammermusikalische Dezenz der "Folklore imaginaire" mit einem durchaus anregenden Maß an Brachialität: Während die Saxofonisten Sébastien Texier, Fran¸cois Corneloup, Posaunist Gueorgui Kornazov und Gitarrist Manu Codjia ihre freejazzigen Energien kompakt bündelten, hielt Vater Texier mit mächtigem Sound Form und Band zusammen.

Auch Charles Lloyd ließ im Zuge seiner (ersten) Abschiedstournee erwartungsgemäß nichts anbrennen und sang sich mit glühendem Ton in berückende Sphären lyrischer Ekstase, getragen von einer starken neuen Quartett-Belegschaft mit Pianistin Geri Allen.

Cheick-Tidiane Seck, der "Tasten-Griot" aus der legendären Rail Band in Bamako, fand hingegen nur selten einen gemeinsamen Nenner mit Schlagzeugkraftmeier Will Calhoun. Trompeter Cuong Vu ließ sich da noch eher als Entdeckung apostrophieren. Unzweifelhaft scheint dieses Attribut im Hinblick auf Ojos de Brujo berechtigt, die am Freitag das Publikum bis drei Uhr früh wach hielten.

Flamenco und HipHop

Kreuzt die junge Truppe aus Barcelona doch frisch und frech die stolze Tradition des Flamenco mit HipHop, Funk und Elektronik: Ein rassiger und doch substanzvoller Stilmix ist das Resultat, dessen Live-Umsetzung von der Bühnenpräsenz der agilen Frontfrau und Sängerin Marina Abad lebt.

Acts wie diese werden auch in Zukunft das Salz in der Festivalsuppe sein. Dass es diese Zukunft gibt, scheint erfreulicherweise fix: Kointendant Mario Steidl ortet trotz eines Besucherrückgangs im Bereich von 15 bis 20 Prozent "positive Signale" von den geldgebenden Stellen - wohl auch weil 2004 der Budgetrahmen von cirka 700.000 Euro nicht überschritten wurde. Auch die Short Cuts soll es 2005 wieder in vollem Umfang geben. Am Programm des nächsten Jahres wird die neue Intendanz dann erstmals wirklich zu messen sein. (Andreas Felber/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 8. 2004)

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