"American Splendor": Ein Superheld der Hinterhöfe

26. März 2005, 22:52
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Das Leben des Underground- Comiczeichners Harvey Pekar, raffiniert erzählt: "American Splendor"

Shari Springer Berman und Robert Pulcini haben mit "American Splendor" das Leben des Underground-Comiczeichners Harvey Pekar als raffinierte Mischung aus Spiel-, Dokumentar-und Animationsfilm umgesetzt.


Wien - Für einen Comichelden hat er wenig Außergewöhnliches vorzuweisen: kein offensichtliches Talent, keine versteckten Superkräfte. Harvey Pekar ist amerikanischer Durchschnitt, zumindest auf den ersten Blick. Als Angestellter in einem Krankenhaus in Cleveland ordnet er Tag für Tag, Jahr für Jahr Karteien; ein wenig übergewichtig, schlampig und voller Selbstzweifel, steht er dem Leben mit ungesundem Argwohn gegenüber - und seinem Spiegelbild mit Nüchternheit: Er nennt es "eine verlässliche Enttäuschung".

"Ordinary life is pretty complex stuff", lautet eine andere Losung Pekars, die er produktiv zu nutzen wusste. In den 70er-Jahren begann er, seinen Alltag und die dazugehörigen Beobachtungen als Grundgerüst für ein Comic festzuhalten. Die Begabung fürs Zeichnen fehlte ihm zwar, aber das machte nichts, denn Freunde wie unter anderem der legendäre Comiczeichner Robert Crumb waren von seinem trockenen Blick auf die Widrigkeiten des Lebens begeistert. 1976 erschien American Splendor das erste Mal, ein autobiografisches Comicbuch mit Realitäts- und Kunstanspruch: Für die Underground-Comicszene wurde es bald stilbildend.

Das New Yorker Filmemacherpaar Shari Springer Berman und Robert Pulcini hat Pekars Hefte nun zu einem ungewöhnlichen Bio-Pic kompiliert. American Splendor, der Film, bleibt dabei der Vorlage insofern treu, als er deren dokumentarischen Charakter, aber auch das Comichafte bewahrt. Paul Giamatti verkörpert Pekar in einer fiktionalen Umsetzung, die in erdigen Farbtönen die Wirklichkeitsnähe betont, während der reale Comicautor selbst in künstlichen Kulissen interviewt wird - und seine Stimme wiederum als Voiceover für den Spielfilm dient.

Das klingt kompliziert, fügt sich aber zu einer überzeugenden Einheit aus Spiel-, Dokumentar- und Animationsfilm zusammen. Berman und Pulcini, die bisher Dokumentarfilme gedreht haben, versuchen mit ihrem selbstreflexiven Verfahren schlicht für den Film das zu erhalten, was schon das Comic auszeichnete: eine Biografie zu erstellen, an der mehrere Autoren - vor allem Pekar selbst - beteiligt sind. Das hat den Vorteil, dass man mehrere, durchaus widersprüchliche Perspektiven anstatt einer auktorialen auf den Comichelden erhält.

Naturgemäß glättet American Splendor das Momenthafte der Vorlage, diese (komischen) Epiphanien eines trostlosen Working-Class-Milieus auch ein wenig, wenn er sie in eine lose Erzählung überführt. Giamattis Pekar ist zu Beginn des Films am Boden angekommen. Seine Frau und seine Stimme haben ihn verlassen. Mit dem Erfolg als Comicautor ändert sich daran zunächst noch wenig, im Gegenteil: muss (und will) Pekar doch auf seine Lebensweise bestehen, die ihm ja überhaupt erst die Geschichten zuliefert.

Ticks und Macken

Bermans und Pulcinis Blick auf diese gewöhnlichen Leute bleibt stets respektvoll. Weniger artifiziell überhöht, aber ähnlich detailgenau wie in Terry Zwigoffs Ghost World wird hier ein Umfeld aus Nerds samt deren kleineren Ticks und Neurosen beschrieben, die dieses Heartland in Hinterhöfen bevölkern: etwa der leicht autistische Arbeitskollege Toby (Judah Friedlander) oder die Comicverkäuferin Joyce (Hope Davis), die einigermaßen umstandslos zu Pekars neuer Frau (und späterer Koautorin) wird.

Pekar selbst ist wesentlicher Teil dieser Welt und zugleich deren genuiner Porträtist. Sein wechselhaften Launen, seine Auseinandersetzungen mit Joyce, sein Hunger nach Ruhm bei gleichzeitiger Verachtung des Mainstreams geben auch dem Film den Rhythmus vor. Pekar eckt an, beharrt aber auch dann noch störrisch auf seiner Wahrhaftigkeit, wenn er sich bei Auftritten in der David-Letterman-Show ("I'm no showbiz phony") nicht als Type verkaufen lässt.

American Splendor erzählt jedoch von einer ungewöhnlichen amerikanischen Karriere, die über den kurzen Augenblick des Ruhms hinauszielt - und von einem Mann, der sein Milieu nicht aufgibt. Seine große Stärke ist, dass er sich dabei für keine definitive Version entscheiden muss: Pekar bleibt Comicheld bleibt Pekar. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.8.2004)

Von
Dominik Kamalzadeh

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americansplendor
movie.com


Polyfilm Verleih
  • Ein mürrisch-liebevoller Porträtist seiner Umwelt: Harvey Pekar (Paul Giamatti) und seine Frau Joyce (Hope Davis)
    foto: polyfilm

    Ein mürrisch-liebevoller Porträtist seiner Umwelt: Harvey Pekar (Paul Giamatti) und seine Frau Joyce (Hope Davis)

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