Kommentar: Korn, Bier und Alkopops

3. September 2004, 23:12
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Wer sturzbetrunkene Jugendliche verhindern will, sollte andere Maßnahmen als neue Verbote ergreifen - von Michael Möseneder

Korn, Bier, Schnaps und Wein, und wir hören unsere Leber schrein", sang schon die deutsche Punkband Die toten Hosen in ihrem Lied "Bis zum bitteren Ende". Eine aktuelle Bestandsaufnahme zum Thema "Jugend und Alkohol" ist das Lied aber nicht - wurde es doch schon 1983 veröffentlicht. Glaubt man der Politik, muss sich die Situation seit damals weiter dramatisch verschlechtert haben. Die Hauptschuldigen dafür: fertige Mischgetränke, so genannte Alkopops.

Keine Frage, die fruchtigen Mixturen in poppigen Flaschen bergen Risiken, speziell für Kinder. Durch den hohen Zuckergehalt ist der enthaltene Alkohol fast nicht zu schmecken, was die Versuchung, sie wie Limonade runterzukippen, groß macht.

Andererseits: Die jüngste Forderung der Wiener ÖVP, unter 18-Jährigen den Konsum und Kauf der Getränke zu verbieten (wie in einigen Bundesländern schon praktiziert), wird wohl nicht viel helfen. Denn es scheint tatsächlich nicht ganz nachvollziehbar, warum ein 17-Jähriger zwar heiraten und in einem Bergwerk arbeiten darf, nicht aber darüber entscheiden kann, welches alkoholische Getränk er trinken will. Denn ein kleines Bier, das in etwa denselben Alkoholgehalt wie eine Flasche Mixgetränk aufweist, bekommt er problemlos.

Wer sturzbetrunkene Jugendliche verhindern will, sollte andere Maßnahmen als neue Verbote ergreifen. Der erste Vollrausch ist ohnedies nicht zu verhindern, geht es für die Heranwachsenden doch auch ums Sammeln von Erfahrungen. Damit aus dem Rausch aber keine Gewohnheit wird, bedarf es mehr. Sachliche Aufklärung schon in der Unterstufe etwa. Und eine Bewusstseinsänderung der ganzen Gesellschaft. Denn solange der Heurigenbesuch und der sonntägliche Frühschoppen zur Alltagskultur zählen, werden weiter die Lebern schreien. (Der Standard, Printausgabe, 31.08.2004)

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