Krankenhaus Tulln Ziel von Kettenbriefen

2. September 2004, 10:49
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Post für fiktives krebskrankes Kind

Tulln/Innsbruck – 40 Briefe täglich für einen Patienten, den es gar nicht gibt: Das Landeskrankenhaus im niederösterreichischen Tulln ist seit mehr als zwei Jahren Opfer einer Kettenbriefaktion. Ein siebenjähriger krebskranker Bub wünsche sich möglichst viel Post, weil er ins Guinnessbuch der Rekorde kommen wolle, heißt es in dem Brief. Ausdrücklich werden die Empfänger des Kettenbriefes darum ersucht, "die Unterlagen an zehn weitere Dienststellen, Behörden oder Firmen weiterzuleiten".

Derzeit kursiert der Brief besonders in Tirol. AK-Tirol- Konsumentenschützerin Ulrike Tembler hat dazu aufgefordert, diesen "Kettenbrief übelster Machart" zu ignorieren – der Bub ist nicht und war nie Patient in Tulln. Eine Erklärung, wer etwas von der Kettenbriefaktion hat, kann Tembler nicht geben. Um Adressenbeschaffung für einen Adressenhändler könne es nicht gehen. Bleibt als einzige Erklärung, dass jemand das Krankenhaus ärgern will, vermutet Tembler.

"Flackert immer wieder auf"

So sieht das auch dessen Verwaltungsdirektorin Beatrix Moreno. "Das flackert immer wieder auf", erklärt Moreno und verweist auf mehrere vergebliche aufklärende Presseaufrufe. Aus der ganzen Welt kämen die Briefe, immer wieder seien auch Behörden, Politiker und Firmen unter den Absendern. Die Briefe landen samt und sonders im Reißwolf und verursachen einigen Arbeitsaufwand. Gar nicht zu reden von telefonischen Genesungswünschen an den Siebenjährigen, der nach Recherchen Morenos auch außerhalb des Tullner Krankenhauses nicht existiert. "Es funktioniert, weil es so viel Mitleid erregt", resümiert Moreno resignierend. Erfolglos habe sie sich vor einiger Zeit an die Staatsanwaltschaft gewandt – strafbar sei nur der nicht eruierbare Urheber der Kettenbriefe.

1998 hatte der per Kettenbrief verbreitete Aufruf, einem (real existierenden) krebskranken Mädchen aus Portugal Visitenkarten zwecks Aufnahme ins Guinnessbuch zu schicken, derartigen Erfolg, dass die Eltern des Mädchens darum ersuchten, die unerträgliche Briefflut zu stoppen.

Per E-Mail war zuletzt ein Aufruf besonders erfolgreich, in dem um eine Knochenmarkspende für eine leukämiekranke Frau ersucht wird. Eine Fälschung, wie sich herausstellte. (hs, Der Standard, Printausgabe, 31.08.2004)

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