Liebestechnik am Arbeitsplatz

2. Februar 2005, 13:49
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Die russische Wissenschafterin für kulturologische Aspekte der Sexualität, Neonilla Samuchina, empfiehlt in dem Buch "Kamasutra fürs Büro" mehr sexuelle Fantasie.

Sex hält gesund, da die körpereigene Immunabwehr verbessert wird. Sexuell aktive Menschen leiden deutlich weniger an Erkältungskrankheiten, auch das Risiko, an schweren oder tödlichen Herzleiden zu erkranken, reduziert sich bis zur Hälfte. Wäre doch gelacht, wenn Sex nicht auch die Arbeitsleistung ankurbelte, dachte sich eine Russin und ging der Frage im Detail nach.

Die im nördlichen Petersburg beheimatete studierte Philosophin Neonilla Samuchina besuchte eine Vielzahl russischer Firmen und befragte sie zum Sex auf dem Arbeitsplatz. Das Resultat ist ein 64 Seiten starker Ratgeber "Kamasutra fürs Büro" mit zweckdienlichen Aufnahmen aus Petersburger Büros und die Versicherung für Arbeitgeber: "Sexuell befriedigte Mitarbeiter sind produktiver."

Der Ausgangspunkt ist genauso simpel, wie das Buch halbernst: Der moderne russische Unternehmer verbringt mehr Zeit im Büro als zu Hause oder sonst wo. Insofern also die freie Zeit für körperliche Liebe eingeschränkt ist, verlagert sich auch das private Leben langsam, aber sicher auf den Arbeitsplatz. Viele russische Firmen sind zudem Familienbetriebe, sodass das Intimleben gleich mit ins Büro wandert und die Wohnung nur noch zum Schlafen dient.

Die Autorin, die bereits mehrere Sexualratgeber auf den Markt gebracht hat, legt Möglichkeiten dar, das "trockene Büro" in einen romantischen Ort der Liebeskontakte zu verwandeln - will heißen, "die nötige Fantasie zu wecken, um das stressbeladene Arbeitsleben mit positiven menschlichen Emotionen zu verschönern". Gerade an der Fantasie mangelt es, wie Samuchina bei ihren Firmenforschungen feststellte - und an der Muße, die Schäferstündchen seien viel zu hektisch.

Schuld daran: Das Sexleben werde im Büro durchwegs sehr einfältig gestaltet. Gerade die unromantische Toilette wurde von den Befragten als wichtigster und häufigster Ort für Intimitäten genannt.

Samuchina empfiehlt Vielfalt: der Billardtisch etwa - nicht nur darauf, auch angelehnt, oder das Fenstersims für einen Quickie. Der Bürotisch ohnehin, eher am Abend, da die Partnerin - im Unterschied zum Mann? - schon müde ist. Die Feuertreppe - gewiss nicht für jedermann, drehbare und rollende Bürostühle ohnehin nur noch für Gelenkige. Garniert wird der Leitfaden durch technische Anleitungen für eine amouröse Liftfahrt, einen Stellungsatlas und Tipps dezentes Verschwinden zu Mittag.

Dass Samuchina nicht jedes Rad neu erfindet, zeigen Hinweise auf Basics des Büro-Verkehrs: Telefonhörer während des Liebesspiels abnehmen, und sexy Sekretärinnen zur Verwirrung des Verhandlungspartners einsetzen.

Gewollte Provokation

"Noch aus Sowjetzeiten hat sich erhalten, dass es vielen unangenehm ist, über das Thema zu reden", meint die Autorin, "mein Buch soll daher zum Nachdenken darüber provozieren, was rundum vor sich geht." Das tun die Russen freilich auch so, denn das Spiel mit sexuellen Reizen ist in dem vom Westen unterschiedlichen Rollenverständnis zwischen Mann und Frau auch am Arbeitsplatz stärker präsent als im Westen.

Political Correctness ist nicht das Thema in einer labilen Übergangsökonomie. In manchen Fällen eine angenehme Zwanglosigkeit, finden andererseits sexuelle Übergriffe in einem schier unfassbaren Ausmaß statt: "Ob sie denn auch bl.... könne", wurde eine Bekannte kürzlich beim Einstellungsgespräch expressis verbis gefragt. Die junge Frau wollte eigentlich nur Sekretärin werden.

Samuchina, die in Petersburg ein erotisches "Institut für Vereinigung" betreibt, das sich ausschließlich mit wissenschaftlichen Projekten zu kulturologischen Aspekten der Sexualität beschäftigt, redet keinem Chauvinismus das Wort. Ob das Buch aber west- licher Political Correctness standhält, wird sich erst zeigen müssen. Angeblich ist bereits eine Übersetzung ins Englische und Deutsche in Vorbereitung. Die Autorin selbst arbeitet inzwischen bereits an einem anderen Werk: einer "Landkarte für Sexstellungen im Auto." (Der Standard, Printausgabe 28./29.8.2004)

Von Eduard Steiner aus Moskau
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