Dschungelbuch der Kleinstadtkinder

8. September 2004, 15:07
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"Port" von Simon Stephens als passables Special beim Young Directors Project

Salzburg - Mit seinem Stück Reiher war der 33-jährige britische Autor Simon Stephens heuer bei den Wiener Festwochen vertreten. Jetzt war Port (Uraufführung 2002) beim Young Directors Project der Salzburger Festspiele zu sehen. Beides Stücke, in denen die Teenager-Generation im Schatten kaputter Eltern ein Leben zu behaupten hat.

Hervorgegangen sind sie aus Ehen, die sich sprachlos im Unglück verbohrt haben, sei es durch die Arbeitslosigkeit oder die dann missglückte Liebe. Und so kommt es eben vor, dass der Vater mitten in der Nacht seine Familie aussperrt, die Frau und seine zwei Kinder für Stunden in Nachthemd und Pyjama in das Auto verbannt. Von dort blicken sie dann fragend ins erleuchtete Wohnblockfenster hinauf.

"Probier's mal mit Gemütlichkeit", die Dschungelbuch-Hymne, lässt Regisseur David Bösch (26) im Salzburger republic am Bühnen-Parkplatz (Bühne: Patrick Bannwart) dazu einspielen. Reichlich zynisch, denn der echte Papa Bär ist keine Stimmungskanone, doch er kann Fanta-Flaschen so öffnen, dass sie märchenhaft Funken versprühen. Diese seine billige Fantasie steht für die Liebe ein, die fehlt.

Ganze 13 Jahre umspannt der Autor mit Port, markiert in Zweijahresabständen das Teenageralter von Tochter Racheal (11-24) und Sohn Billy (6-19): Mutter haut ab, Opa stirbt, Billy stiehlt, Racheal jobbt, Ehe scheitert, Flucht aus der Kleinstadt. Sieben Szenen, in welchen der junge Regisseur diese Arbeiterfamilienschicksalskurve gerade schafft, indem er die sozialkritische Verkittung des Textes abkratzt, das darin brav zu Ende Gedachte abkappt und klugerweise eine Oma-im-Heim-Szene ganz streicht.

Port ist ein Vorzeigestück, das alles klären will, ausdiskutiert, durchdenkt. Bösch hat (besonders in der ersten Hälfte) bemerkenswert dagegengearbeitet und Leerstellen erzeugt. Allein mit dem ungebremst kindlichen Spiel der Schauspieler hat der wegen einer Auszeichnung ans Thalia Theater berufene Regisseur (Premiere dort ist am 16. September) seine liebe Not. Anna Blomeier (Racheal) und Michael von Burg (Billy) trainieren die Rollen hoch wie gedopt, drehen Beine und Augen wie die Comicfiguren aus dem Walt-Disney-Streifen - und schießen dabei übers Ziel. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 8. 2004)

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