An der Steckdose der Vielfalt

3. September 2004, 12:59
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Das Jazzfestival Saalfelden hat unruhige Monate hinter sich - dem Programm war es nicht anzumerken

Saalfelden - Jahrelang war das Jazzfestival in Saalfelden das, was die Salzburger Festspiele eigentlich sein sollten. Ein bisschen eine Ausnahme in der Premiumliga der Festivals. Eine Menge internationaler Projekte erblickte hier das Lichtlein der Tourneewelt. Und gab man seiner Zuneigung zu bestimmten Namen nach, so reisten diese in den Rang der üblichen Verdächtigen Aufgestiegenen dann doch mit Projektideen an, deretwegen die Mobilisierung von Neugier Sinn machte.

In Gegensatz zu Salzburgs Mehrspartenwespennest schwebten zudem nicht unentwegt Konflikte und personellen Spekulationen über dem Kunstdingen. Gerhard Eder war jene Intendantenkonstante, die jährlich auch infrastrukturelle Verfeinerungen vornahm und das Fest zum internationalen Branchentreff machte. Als vor kurzem jedoch öffentlich wurde, dass sich zuletzt finanzielle Probleme angehäuft hatten und der Festivalchef ins Reich der Freizeit entlassen wurde, war eine ungemütliche Situation entstanden.

Die neue Leitung musste sehr spät ein Programm ersinnen, und mit den Einnahmen dieses Sommers muss sie auch zur Schuldentilgung beitragen. Nach den ersten beiden Tagen sind die Abrechnungen noch nicht gemacht. Mit freiem Auge ist indes zu erkennen, dass es zu einem signifikanten Einbruch in der Publikumsgunst nicht gekommen ist. Mancher wird zwar nicht vergessen, dass ein Schinkensandwich nun über fünf Euro kostet. Angesichts des an manch guten historischen Festivaljahrgang erinnernden Programms wohl aber vergeben. Eines Programms, das wie früher auch einen Weltmusikabstecher wagte - diesmal mit den popfröhlichen Katalanen von Ojos de Brujo.

Auch Rohrkrepierer, wie Robotobibok, haben Tradition. Die Gäste aus Polen schafften es nicht, CD-Vorgänge bühnentauglich zu machen, und wirkten wie eine in die frühen 70er zurückgebeamte Lauwarmcombo auf der Suche nach jenen psychedelisch-elektrojazzigen Vorgängen Marke Miles Davis.

Smarte Kammermusik

Zu dieser Stilphase hatte Klarinettist Don Byron bessere Ideen. Auf rein akustischer Trio-Grundlage erweckte er den rhythmischen Geist von In A Silent Way als smarte Kammermusik; an seiner Seite setzte Pianist Jason Moran profundes Historienwissen in abenteuerlich raffinierte Stildialoge um. Freies Spiel, die kauzige Aphoristik eines Thelonious Monk und die quartenakkordselige Arbeit eines McCoy Tyner verschmolzen zu Minidramen der Improvisation.

Ein charmantes Projekt, das auch alten Swing, Blues und historisch gewordene Modernität aus der ironisch gebrochenen Pose der Nostalgie heraus zelebrierte. Nostalgie, produktiv eingesetzt, scheint heuer überhaupt ein geheimer Leitfaden zu sein. Da wirken viele wie an der Steckdose der Musikhistorie angesteckt. Cecil Taylor, Senior der freejazzigen Urgewalt, darf das - er hat sie ja mitgestaltet. Mit einer Soloperformance angekündigt, äußerte er sehr kurzfristig den Wunsch, seine Einsamkeit mit dem "zufällig" anwesenden Schlagwerker Tony Oxley zu teilen. So schwappte Taylors Energiewelle als Zwiegespräch alter Bekannter über die Festivalzeugen.

Arto Lindsay kommt aus einer anderen Stilecke. Mit der Fistelstimme eines ewig jungfräulichen Romantikers lustwandelte er durch die Gärten der Songs. Wie er die Idyllen, diesmal Drum-&-Bass-mäßig eingeseift, mit einer zur Songkettensäge mutierten noisigen Gitarre zerteilte, das hatte was von Taylors gnadenlosen Clusterblöcken.

Das raffinierteste Projekt kam aber von Hannes Löschel. Schleichende Melodielinien werden mit solistischen Gedankenschichten unterlegt. Mal tönt es funkig, dann wie eine Marching Band. Immer herrscht eine wunderbar Balance zwischen Kollektiv und Individuum, zwischen komponierter Subtilität und improvisatorischer Solofantasie.

Daneben musste Trompeter Enrico Rava blass wirken. Allzu sehr im Mainstream angesiedelt, schien er all das zu Hause vergessen zu haben, was er auf seiner letzten CD an weit ausschwingender Balladengrazie erspielte. Dann schon lieber Battista Lena, der seine Nostalgie in Banda-Format brachte, oder Steve Coleman, der eine Lehrstunde des druckvollen Spiels gab. Oder Tackhead mit roh und überzeugend daherstapfenden Funk-Metal-Song-Mutanten. Saalfelden - nach wie vor ein bunter Stilgarten. (Ljubisa Tosic/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 8. 2004)

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